Kapitel 3 – „Sandkastentod“

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III.

Johannes schlug immer härter auf den Sandsack ein. Trotzdem pendelte dieser nur träge unter der Aufhängung herum. Obwohl einige Fenster des Trainingssaals geöffnet waren, hing drückend ein Geruch von Schweiß in der Luft. Gegen die Mittagssonne hatte man die Läden auf der Südseite heruntergelassen, die nur spärliches Licht in das Innere der Sporthalle ließen. Die Atmosphäre erinnerte Johannes an die letzten Runden bei dem Poker-Turnier in Aruba.
Als er genügend Wut in Schläge umgesetzt hatte, umklammerte er schwer atmend den Sandsack und schaute zur Seite durch den Raum. In einer Ecke standen drei Männer mit durchtrainierten Körpern und tuschelten miteinander. Einer zeigte auf Johannes und ein anderer mit einem Irokesenschnitt und einem verblassten Tattoo, das als dornige Rosenranke über seine rechte Schulter den Arm hinunter lief, lachte laut auf. Johannes drehte sich schnaufend um und schlug erneut in den Bereich, wo man das brüchige Leder mit Panzerband umwickelt hatte.
»He du, kleiner dicker Mann mit Glatze. Ist kein Rentnertreff hier.«
Johannes hielt inne. Er fand seinen Körper durchaus nicht dicklich oder gar fett. Eher sportlich moderat an die Körpergröße und sein Alter angepasst. Und für die Glatze, die schon über 10 Jahre sein Haupt zierte, gab es auch keine Alternative. Stattdessen war sie farblich auf seinen Teint abgestimmt und nicht pickelig weiß wie bei denen, die wöchentlich den Schädel rasierten und dadurch ihren Haarausfall kaschierten.
»Das Altersheim ist drüben beim Hühnerweg.« Diesmal prusteten alle drei Männer los. Ihr Gelächter füllte bald den ganzen Trainingssaal.
Johannes gab dem Sandsack einen Schubs und ging auf die Kerle zu, die zwar nicht so alt wie er selbst, aber bestimmt in ihren Vierzigern waren. »Ihr lacht wie kleine Mädchen, Jungs. Boxt ihr auch so?«
Die Gesichtszüge des Irokesen verloren sämtlichen Humor. »Was sagst du da, alter Mann?«
»Ich sag mal, dass du ein feiger Nichtsnutz bist.«
»Du bettelst um einen Schlag in die Fresse oder was?«
»Bist du überhaupt bereit für einen anständigen Boxkampf oder spielst du mit deinen zwei Freundinnen hier nur Highschool Queen?«
Die zwei Begleiter des tätowierten Irokesen wollten sich auf Johannes stürzen, doch sie wurden von ihrem Freund zurückgehalten. Der schnappte ein Paar Sparringshandschuhe und warf sie herüber, doch Johannes machte keine Anstalten, die dick gepolsterten 16-Unzen-Handschuhe aufzufangen. Er ließ sie an seiner Brust abprallen, griff ins Regal und zog zwei Paar Freefight-Handschuhe mit vier Unzen heraus. Ein Paar drückte er dem Irokesen in die bandagierten Hände, drehte sich um und hievte sich in den Ring in der Mitte des Raumes. »Ich brauch den Ring mal ein paar Minuten, Randy. Kannst nachher weiterkehren.«
Randys Miene drückte ungläubiges Entsetzen aus. Der Besen, mit dem er den Ringboden gefegt hatte, fiel ihm aus der Hand, als der Irokese mit einem Sprung über die Seile Johannes in den Ring folgte. »Bist du wahnsinnig, Johnny? Das ist der Bux, Paul Bux. Der ist 20 Jahre jünger als du und boxte schon damals um die Meisterschaft im Halbschwergewicht.«
»Und? Hat er gewonnen?« Johannes streifte sich den linken Handschuh über und zog den rechten mit den Zähnen über die Hand. Dann drückte er die Klettverschlüsse zu und schlug die Freefighter zweimal aneinander.
»Muss das Danni sagen, Johnny. Das geht nicht. Ist gegen die Regel.« Randy schnappte sich den Besen und rutschte zwischen dem Boden und dem untersten Seil aus dem Ring. Dann eilte er zu der Tür, hinter der sich Dannis Büro befand.
»Paul, was?«
Der Irokesenschnitt nickte.
»Ich bin Johnny.« Danach schlug Johannes seinem Gegenüber kräftig auf die Handschuhe und nahm eine Verteidigungshaltung an, indem er beide Fäuste vor sein Gesicht hielt.
Wie erwartet trieb Bux Johannes mit schnellen Jabs rückwärts. Den ersten Angriffsschlägen konnte Johannes reaktionsschnell ausweichen oder sie landeten auf der Deckung. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, wie Danni aus seinem Büro in die Box-Halle stürzte und schrie: «Jesses, Maria und Josef, was eine Schlamassel!«
»Was sollen wir machen, Chef?« Randy tänzelte nervös neben Danni herum.
»Hol dem arme Kerl am beste eine Eimer mit Eis.«
Randy schaute Danni verzweifelt an. »Eis für Johnny. Sonst noch was?«
»Nee, nicht für de‘ Johnny … und gib dem Doc Bescheid.«
Die Schläge von Paul Bux landeten härter auf Johannes‘ Körper. Das bedeutete, sein Gegner hatte sich jetzt warmgeboxt. Johannes musste seine Deckung immer weiter öffnen, da die Hiebe nun seitlich auf seinen Kopf zielten. Dann kam der erwartete Haken. Er traf ihn am Wangenknochen und streifte an seinem Auge vorbei. Johannes torkelte nach hinten, wo ihn die Ringseile auffingen und wieder nach vorne katapultierten. Gleichzeitig kribbelte es in seiner Nase und der Geruch von Blut durchschoss seine Nebenhöhlen. Während er in die Ringmitte schnellte und Bux zum nächsten Schlag ausholte, sprang Johannes nach oben und kam wie ein Wrestler auf seinen Gegner zugeflogen. Mit Druck rammte er seine Stirn in Bux‘ verblüfftes Gesicht und schlug gleichzeitig mit beiden Fäusten auf dessen Ohren. Die Wucht, mit der Johannes auf seinen Gegner prallte, ließ beide Kämpfer zu Boden stürzen. Zwar spürte Johannes einen warmen Rinnsal über seine Wangen fließen, aber er war mit dem Ergebnis seiner Attacke zufrieden. Es schien, als litt Bux‘ Gleichgewichtssinn unter den Schlägen auf die Gehörgänge, denn der erste Versuch, sich sofort aufzurappeln, schlug fehl und die Beine des Boxers knickten wieder ein. Johannes hingegen sprang ein zweites Mal auf seinen Kontrahenten, kniete auf dessen Brust und bearbeitete sein Gesicht mit den Fäusten. Paul Bux wehrte sich und verpasste Johannes zwei weitere Treffer auf Kinn und Jochbein, doch als ein Treffer von Johannes‘ Rechten krachend auf Bux‘ Nase landete, schrie der auf und riss die Arme schützend vor seinen Kopf. Während er das tat, rutschte Johannes nach hinten und hämmerte in die Magengrube seines Gegners. Danach wieder auf das Gesicht, den Magen, das Gesicht, seitlich auf die Nieren, das Gesicht, bis sich Bux in embryonaler Haltung auf die Seite krümmte. Unter Schmerzen in den Knien richtete sich Johannes mühevoll auf, torkelte in eine Ecke des Rings und legte die Oberarme auf die Seile, als wartete er, bis sein Gegner von einem imaginären Ringrichter ausgezählt wurde.
Randy schwang einen Eimer neben Bux auf die Kampffläche, wobei mehrere Eisbrocken aus dem Kübel kullerten. Gleichzeitig kletterte ein Mann mit einer Arzttasche und einem verknitterten beigefarbenen Anzug durch die Seile und beugte sich über den am Boden Liegenden.
Danni kam auf Johannes zugehinkt. »Jesses, Maria und Josef, was machst du, Johnny? Du machst mir Kundschaft kaputt.«
Johannes zog mit den Zähnen einen Handschuh über die Hand und entledigte sich des anderen. Dann drückte er die Freefighter Danni an die Brust. »Er hat ‚alter Mann‘ zu mir gesagt.«
Danni kratzte sich unter seiner Schiebermütze am Kopf und schaute zu Paul Bux hinüber, der immer noch am Boden liegend verarztet wurde. »Alter Mann? Jesses, Maria und Josef, das geht gar nich.«

»Heilige Kacke.« Gerd zog eine Zigarette aus der Tabatiere und klopfte sie mit dem Filter auf den Tisch. »War es mal wieder so weit?«
Johannes griff vorsichtig an sein Auge und warf sich in den Loungesessel des Oosten. »Sieht man es sehr?«
Gerd studierte Johannes‘ lädiertes Gesicht und nickte. »Du wirst nachlässig. Früher ist dir das nicht passiert.«
»Sprich es ruhig aus. Du bist der Meinung, ich werde alt. War halt ein harter Brocken.«
Gerd zuckte mit den Schultern. »Die werden täglich härter, ich sag’s dir. Und Anni? Ist sie danach verschwunden?«
Johannes kniff die Augen zusammen und strich mit Daumen und Zeigefinger über die Lider. »Sie tut das immer nach einem Kampf, wenigstens eine Zeit lang.«
Gerd zündete die Zigarette an und legte sie sofort in den Aschenbecher. »Ich hasse es, mich zu wiederholen, aber gib dir und Marie endlich eine Chance.«
»Marie ist weg.«
»Was soll das? Die Frau hängt an dir wie eine Klette an einem Shetland Pulli.«
»Sie ist wieder in Aruba.«
Durch den Rauch der im Aschenbecher vor sich hin glimmenden Zigarette schaute Gerd seinem Gegenüber streng in die Augen. »Sie wird wiederkommen und du hast Angst davor.«
Der Anblick der glitzernden Fassade der EZB, die über dem Dach des Oosten in den Frankfurter Himmel ragte, schmerzte in Johannes‘ Augen, woraufhin er sie schloss. »Wem würdest du glauben: dem Geistlichen oder dem Narren?«
»Narren lügen nicht. Wieso fragst du?«
»Bilde ich mir Anni nur ein? Manchmal denke ich, sie habe nie existiert. Dass alles einen ganz anderen Ursprung hat. Hab‘ ich damit Unrecht?«
Die Zigarette im Aschenbecher glich inzwischen einem grauen Regenwurm, der liegen blieb, als Gerd den Filter anhob. Er drückte die letzte Glut aus. Dann holte er tief Luft, öffnete die Tabatiere und klappte sie gleich wieder zu. »Bedauerlicherweise. Aber was hat es mit dem Narren auf sich?«
»Du erinnerst dich an Uto?«
Gerd stieß ein kurzes Lachen aus. »Wer könnte den vergessen?«
Johannes starrte auf die Getränkekarte, ohne dass er sie las. »Und wie könnte er selbst vergessen?«
»Was meinst du?«
Das Horn eines Binnenschiffs riss Johannes aus seinen Gedanken. Ein Motorboot konnte sich gerade noch vor dem Bug des Frachters in Sicherheit bringen, der den Main flussabwärts wie ein gewaltiger, dunkler Keil durchpflügte. »Was hat der Doktor gesagt?«
Gerd verzog das Gesicht. »Ein israelisches Unternehmen testet gerade ein neues Medikament. Es gibt halt immer ein neues Mittel irgendwo auf der Welt.«
»Der Haken?«
»Einer der Lungenflügel wäre auch damit nicht zu retten. Den müsste man zuerst rausnehmen. Aus den Zellen des anderen züchten sie dann zusammen mit dem Wirkstoff eine GSG9 gegen den Krebs.«
»Erfolgschancen?«
»Wenn ich Glück habe, erwische ich das Placebo.«
»Sprich nicht so negativ, du nervst.«
»Da bin ich aber nicht der …« In diesem Moment verfiel Gerd in eine seiner unzähligen Absencen.

Das Pharmaunternehmen hieß Pnonko. Typisch israelisch, dachte Johannes, während er mit seinen Fingern flugs über das Mousepad strich. Dabei kamen ihm die lustigen Namen der tollpatschigen israelischen Bieter Uzi und Shlomi bei der Reality Show Container Wars in den Sinn. Wahrscheinlich alles nur einstudiert um das Nachmittagspublikum des Werbesenders um die Glotze zu scharen. Alles nur einstudiert, sinnierte Johannes und wog Gerds Heilungschancen ab. Die Seite der Firma war in Weiß und einem dezenten Blau gehalten. Sie informierte darüber, dass Pnonko ihren Sitz in Haifa hatte und mit Wissenschaftlern aus der ganzen Welt zusammenarbeitete. Für detaillierte Informationen zu den Forschungsreihen musste Johannes die Platzierung eines Cookies bestätigen, einer Datei, in die der Webseitenbetreiber Details zum Besucher der Webseite einstellen konnte. In diesem Fall bestätigte Johannes die Anfrage und nahm sich vor, den Cookie wieder zu löschen, wenn er alles Wissenswerte über Pnonko erfahren hatte. Allerdings waren die Auskünfte der Firma im weiteren Verlauf der Internetpräsentation eher dürftig. Sie beschränkten sich auf die nüchterne Feststellung, in Zukunft einen Prozess vorstellen zu können, der es ermöglichte, gezielt Krebszellen in der Lunge zu neutralisieren. Allerdings waren weder Zeitpunkt noch medizinische Angaben näher beschrieben. Die Seite hätte genauso gut zehn Jahre alt sein können. Enttäuscht öffnete Johannes einen zusätzlichen Reiter in seinem Browser. Sofort wurde die Homepage der Firma Pnonko durch Googles Startseite ersetzt.
Vor einigen Monaten hatte Johannes begonnen, Bilder und alte Veröffentlichungen aus Hanau im Netz aufzuspüren und als Kopie in einem Ordner abzulegen. Ständig überlegte er sich neue Suchbegriffe, mit denen ihm Google die verschiedensten Ergebnisse lieferte, von denen aber fast alle unbrauchbar waren. Hätte man ihn gefragt, warum er das tat, hätte Johannes keine Antwort darauf geben wollen. Er wusste, dass es der verzweifelte Versuch war, seine Psychose mit Hilfe von Erinnerungen zu kurieren. Er wünschte sich, einen Anhaltspunkt zu finden, der den Knoten aus Angst und undefinierbaren Schuldgefühlen in seinem Innern löste.

Eines Tages tauchte Anni mit einer Plastiktüte voll Murmeln am Spielplatz auf. Sie hatte beschlossen, dass sie viel zu erwachsen war, um noch mit Glaskugeln zu spielen. Für Johannes war dies völlig unverständlich, zumal sie beim Klickern kaum zu schlagen gewesen war. Er hatte ihre Strategie in den vergangenen Monaten genauestens beobachtet. In der Tat spielte Anni so, dass die letzte Murmel, die am weitesten vom Loch entfernt lag, immer von Annis Gegner angespielt werden musste. Meistens schaffte der es nicht, die Glaskugel zu versenken, so dass Anni danach leichtes Spiel hatte. Johannes fiel auf, dass es ihr immer gelang, die letzte Murmel nicht als Erste spielen zu müssen. Diese Taktik erinnerte ihn an das Spiel mit den 21 Streichhölzern, von denen man eines bis drei wegnehmen durfte. Wer das letzte Holz erwischte, verlor das Spiel. Annis Gegner bekamen immer das Letzte.

An diesem Tag brachte sie die gesamte Beute der vergangenen Jahre mit und setzte sich auf die alte Bank vor der Hauswand des Moulin Rouge. Begleitet wurde sie von Blaschke, einem Jungen, der schon 16 Jahre alt war. Mit seinen verwaschenen Jeans mit den überlangen Hosenbeinen, die an den Enden umgeschlagen waren, dem schwarzen Plastikkamm in der Gesäßtasche und der pomadig glänzenden Elvistolle kam er den meisten Kindern wie ein Filmstar vor. Deshalb nannten ihn einige der Kinder heimlich J. D. Blaschke, wobei das J und das D für James Dean standen. Aber niemand hätte gewagt, ihm das ins Gesicht zu sagen. Fritzel hatte einmal erzählt, wie Blaschke einen gleichaltrigen Jungen verprügelt hatte, weil dieser Fritzels kleinem Bruder Ludger die Ballonreifen seines Rollers zerstochen hatte.
»Der Typ war vom Messeplatzufer. Ganz harte Sorte, sag ich dir. Hatte das Messer noch in der Hand, aber der Blaschke hat’s ihm aus der Hand getreten. Dann hat er ihn so vermöbelt, dass der nach Luft geschnappt hat, weil ihm das Blut seiner gebrochenen Nase die Kehle verstopfte. Hab‘ selbst gesehen, wie ihm das Blut aus dem Mund blubberte. Der Typ vom Messeplatzufer sieht jetzt ganz anders aus, wegen der gebrochenen Knochen im Gesicht und so. Wenn du ihn vorher gekannt hast, dann jetzt nicht mehr. Die sagen, nicht mal seine eigene Mutter hätte ihn …« Weiter hörte Johannes nie zu, weil er selbst mit der Fantasie eines Zehnjährigen dem Geschwätz keinen Glauben schenken konnte.
An Annis anderer Seite saß Gerd. Er hatte sich nie etwas aus Murmeln gemacht. Anfänglich hatte er es probiert, doch jedes Mal, wenn er beim Spielen eine Absence bekommen hatte, waren danach alle Murmeln im Loch und der andere Spieler hatte sich zum Gewinner erklärt. Jetzt schmunzelte Gerd geheimnisvoll, als wüsste er, was gleich passierte.
Anni nahm eine Murmel aus dem Plastikbeutel und hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger vor ihre Augen, als schaue sie ein Himbeerbonbon aus Frau Milkes Süßigkeitenglas an. Die Murmel war wunderschön, durchsichtig mit einer türkisen Schliere darin. Dann öffnete Anni den Mund. Alle Kinder hatten sich auf dem Spielplatz versammelt und schauten mit heruntergeklappten Kinnladen zu, wie Anni die Murmel langsam zu ihrem Mund führte. Gerade als jedermann erwartete, sie würde sie loslassen und verschlucken, warf sie den Klicker in hohem Bogen in den Sandkasten, der schräg neben der Bank sein ödes Dasein fristete. Doch nun geriet er zur Arena.
Als ob jemand ein blutiges Steak in ein Piranhabecken geworfen hätte, stürzten sich alle Kinder in den Sandkasten, um die wertvolle Murmel zu ergattern. Johannes, der sonst nicht einer der schnellsten auf dem Spielplatz war, hatte einen Glücksgriff getan. Als er seinen schmerzenden Arm unter dem Haufen wild herumzappelnden Jungenkörper herauszog, spürte er die Kugel in seiner Hand. Ohne dass es die anderen Kinder bemerkten, öffnete er sie ein kleines Stück und linste hinein. Es war eine Fünfer-Murmel. Eine dicke, fette Fünfer-Murmel. Er selbst hatte erst einmal eine von Fritzels fünfjährigem Bruder Ludger gewonnen, und am gleichen Tag an das Schlitzohr Helmut wieder verloren. Diese hier hatte zwar an der Oberfläche mehrere Schrammen, aber das Türkis der Fächer war in diesem Moment die schönste Farbe, die er sich vorstellen konnte. Schnell schloss er die Hand und blickte zu Anni hinüber, die ihn anlächelte und zuzwinkerte. Nun hatte er begriffen, dass sie die Murmel zu der Stelle im Sandkasten geworfen hatte, die Johannes am nächsten war – wie die Rose, die ein Burgfräulein ihrem Ritter vor einem Turnier zuwarf.
Johannes war so in seinem Tagtraum versunken, in dem Anni ihm als Maid auf der Tribüne des Turnierplatzes zuwinkte, dass er nicht mitbekam wie Blaschke in die Plastiktüte griff, eine Handvoll Murmeln griff und sie in Johannes Richtung warf. In der nächsten Sekunde wurde Johannes von allen Seiten angesprungen und zu Boden gerissen. Oberschenkel, Brustkorb und Schulter durchzog ein beißender Schmerz. Er glaubte, Fritzels Rotznase an seinem Ohr zu spüren und schrie auf. Mühsam kroch er unter dem Haufen hindurch, der auf ihm lag und nach Murmeln hechtete, die immer wieder erneut aus Annis Beutel von den Dreien auf der Bank in die Menge geworfen wurden. Als er es fast geschafft hatte, dem Wildschweinrudel auf Trüffelsuche zu entkommen, sah er wie Blaschke, Anni und Gerd auf der Bank vor Lachen ihre Körper verbogen und sich die Tränen aus den Augen rieben. In diesem Moment hatte er sich gewünscht, nie mit Murmeln gespielt zu haben.

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Johannes schaute die türkise Murmel an, um die er einen Acrylwürfel gegossen hatte, der jetzt in seiner Vitrine stand. Er überlegte, ob er seinen Fantasien aufgesessen war. Er gierte danach, ein Foto des Spielplatzes im Internet zu finden. Vielleicht würde es beweisen, dass es gar keine Bank gegeben hatte. Vielleicht hat der Sandkasten nie existiert, oder das Klettergerüst. Der Beweis seines Irrsinns wäre für Johannes Wilke mittlerweile durchaus eine akzeptable Option gewesen.
Ihm war eine neue Kombination an Suchbegriffen eingefallen, die er zusammen mit der Jahreszahl 1966 eingab. Anschließend drückte er auf das Feld mit der Aufschrift Bilder. Sein Bildschirm füllte sich mit allen möglichen Fotos. Johannes überflog die Auswahl und erkannte viele Motive, die er bereits als interessant oder für seine Belange als untauglich bewertet hatte. Er schüttelte den Kopf und scrollte die Seite nach unten, ohne viel Hoffnung, das zu finden, von dem er nicht einmal wusste, was es war. Die Motive huschten an seinem Blick vorbei, wobei er gar nicht mehr die Inhalte wahrnahm. Doch dann stockte Johannes unvermittelt. Eine dunkle Abbildung zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Langsam scrollte er zurück, bis er das Bild in der Mitte des Bildschirms hatte. Gerade so, als könne es ihm dann nicht entkommen. Zögerlich, als hätte er Angst, es zu verscheuchen, fuhr er mit dem Mauszeiger darüber und drückte schließlich auf die Taste seines Mauspads. Ein weißer Hintergrund tat sich auf, der rechts in einen schmalen Bereich unterteilt war mit dem dunklen Foto am oberen Rand. Johannes klickte drauf, aber nichts passierte. Weder vergrößerte sich das Bild, noch zeigte sich die Seite, auf der es platziert war. Darunter befand sich der Link mit dem Titel: Webseite mit diesem Bild. Das Klicken darauf bewirkte lediglich die Fehlermeldung: 404 Page Not Found. Johannes zoomte mittels der Einstellungen des Browsers in das Bild hinein und stellte den Monitor seines Laptops auf den hellsten Wert. Schemenhaft erinnerte ihn das, was er erkennen konnte, an das bekannte Studiomotiv des Films: Der Schrecken vom Amazonas. Ben Chapman trug in seiner Monster-Gummi-Montur die ohnmächtige Julia Adams durch die Pappmaschee-Filmkulisse. Mit etwas Fantasie konnte man genau diese Szene auf dem Bild erkennen. Nur, was veranlasste Google, ihm dieses Motiv bei den Suchkriterien, die er eingegeben hatte, anzubieten? Hanau – 1966 – Metzgergasse – Spielplatz … Johannes stockte erneut, scrollte nach oben und überprüfte seine Eingaben. Er hatte tatsächlich Metzgergasse geschrieben. War das der entscheidende Unterschied? Er hatte bis jetzt immer Metzgerstraße eingegeben, auch wenn sie als Kinder stets von der Metzgergasse gesprochen hatten. Dieses Mal hatte er sich dazu verleiten lassen, die umgangssprachliche Bezeichnung zu benutzen. Er änderte die Eingabe in Metzgerstraße ab und beließ die restlichen Parameter auf ihrem Ursprungswert. Dann drückte er die Enter-Taste. Das dunkle Bild mit dem Monster, das Julia Adams auf den Armen trug, war wieder dabei. Johannes ersetzte die Jahreszahl durch 1965, dann durch 1999. Er entfernte den Begriff Spielplatz, anschließend Hanau. Jedes Mal war das Foto in der Auswahl dabei. Aber jedes Mal auch nur als Vorschaubild, das grobpixelig wurde, sobald er es vergrößerte und in seinen Details unkenntlich blieb. Danach löschte er alle Parameter und schrieb nur Puffelkrotz in die Suchanfrage. Es tauchte nur noch dieses eine Bild auf. Erneut klickte er auf den Link, und wieder öffnete sich die Seite mit der Fehlermeldung. Johannes‘ Blick entdeckte dann etwas, worauf er beim ersten Erscheinen der Fehlerseite nicht geachtet hatte. In der rechten unteren Ecke des Bildschirms stand: powered by Friend Care.
Johannes spürte sein Herz, wie es aufgeregt in seiner Brust schlug. Mit zitternden Fingern tippte er über die Tastatur, verschrieb sich dabei ein paar Mal, und gelangte letztendlich zur Homepage von Friend Care. Sofort überlagerte ein Pop-up-Fenster den Begrüßungsbildschirm.

Hallo Johannes Wilke!
Es hat sich während Ihres letzten Besuchs einiges getan.
Anneliese Wonn hat ihr Profilbild geändert.

Nachdem er Annis Profilseite geöffnet hatte, blickte ihm statt eines Porträts das dunkle Bild mit dem Monster vom Amazonas entgegen. Nur war jetzt die Auflösung des Fotos viel höher als in Googles Voransicht. Es zeigte tatsächlich die Rückenpartie einer Gestalt, die etwas auf den Armen trug.
Johannes kopierte das Foto in sein Bildbearbeitungsprogramm. Hier veränderte er den Gammafaktor so, dass mehr Einzelheiten der düsteren Abbildung zu erkennen waren.
Nun sah er deutlich Konturen und Details eines Mädchens, das dort auf den Armen lag. Johannes identifizierte die typischen Jeans und den Pullover, der eigentlich rot gewesen war, aber hier in einem hellen Grau erschien, und der ein ihm vertrautes Zickzack-Muster über der Brust besaß. Die Vorderseite des Mädchens war dem Betrachter zugewandt und Johannes blickte auf den endgültigen Beweis, nach dem er so lange gesucht hatte: das leblose Gesicht von Anneliese Wonn.


Dieses Kapitel ist jetzt auch schon wieder zu Ende. Fortsetung folgt.

Hier bekommt ihr einen Überblick:

Mel

Copyright liegt bei Melanie Döring. Zuwiderhandlung führt zu empfindlichen Strafen. Zur Nutzung einzelner Auszüge, fragen sie dies bitte an bei bookrecession@gmail.com an.

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