Kapitel 2 – „Sandkastentod“

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II.

Die Internetbotschaft vom gestrigen Abend hatte ihn dermaßen aufgewühlt, dass er den Streit mit Marie und die alarmierende Nachricht um Gerds Gesundheitszustand für die Nachtstunden verdrängt hatte. An einen Datenbankdefekt von Friend Care mochte er nicht glauben. Entweder trieb ein Internet-Troll seinen Schabernack, oder jemand, der Anni nahegestanden hatte, war im Begriff, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Johannes hatte sofort das Profil der angeblichen Anneliese Wonn besucht. Aber es waren keine persönlichen Daten hinterlegt worden. Das Profilbild war leer und auch sonst gab es keine Hinweise auf die Eigenschaften des Nutzers. Trotzdem fasste er einen Entschluss, nachdem er Annis Namen gelesen hatte.

Mozart sprang mit einem kräftigen Satz von der Ladefläche des Volvos und trottete neugierig zur nächstgelegenen Hauswand. Johannes hatte den Wagen am Schlossplatz abgestellt und schlenderte jetzt in Richtung Goldschmiedehaus.
Nie hätte er sich träumen lassen, Hanau irgendwann nicht mehr wiederzuerkennen. Die meisten Läden trugen nun grelle Schilder und warben mit blinkenden Auslagen. Die Straßenführung war geändert worden und er hatte nur eine vage Ahnung gehabt, wohin er seinen Volvo steuern musste, damit er den Freiheitsplatz erreichte. An diesem Ort war Johannes aufgewachsen, hier sollte er sich zurechtfinden. Doch die Stadt, die er kannte, war verschwunden. Wo einst die ganze Weite des Freiheitsplatzes das Zentrum Hanaus dargestellt und das Stadtbild dominiert hatte, befand sich jetzt eines dieser Einkaufszentren, die den Konsum an die Innenstädte binden sollten. Bestimmt lockte die Neugierde die Menschen im Moment noch hierher, doch diese Betriebsamkeit würde sich legen. Was blieb, war eine Investition, die man nicht mehr zurücknehmen konnte. Die kleineren Geschäfte würden nach der ersten Euphorie noch eine Zeit lang ausharren und schließlich aufgeben. Die großen Marken, begleitet von den üblichen Futterstationen, würden sich dann in der Betonhülle verschanzen und den Namen dieses Platzes ad absurdum führen. Fresstempel und Klamottenläden halten sich immer, sinnierte Johannes, als er in die Nordstraße einbog.

Während er die Straße entlangging, die einmal die Schlossstraße gewesen war, hatte er die fremd gewordene Innenstadt bereits wieder vergessen. Hier in der Altstadt fühlte er sich geborgen. Alles war noch an seinem Platz. Lediglich einige Straßennamen waren der Gebietsreform zum Opfer gefallen. Deshalb lief er jetzt die Graf-Philipp-Ludwig-Straße entlang. Er würde den Namen morgen wieder vergessen haben und sich einfach erinnern: wo sich einmal die Schlossstraße befand.
An der Ecke zur Johanneskirchgasse zeigte Mozart großes Interesse an dem Geruch des Häuserecks. Er war schon im Begriff, das Bein zu heben, da blaffte ihn Johannes an: »Nicht hier, Moe!« Der Conti verharrte in der Bewegung und schaute Johannes mit einem nachdenklichen Ausdruck an. Dann senkte er langsam das Bein, überquerte eilig die Gasse und beschnüffelte das gegenüberliegende Gebäude. Johannes blickte an dem Haus hoch, von dem er Mozart vertrieben hatte.
Hier hatte Anni gewohnt. Ein einziges Mal, als er sie zum Spielen abholte, hatte er einen Blick in ihr Zimmer werfen können. Er erwartete damals einen Bravo-Starschnitt von Sean Connery oder Weltraumkarten, ein Teleskop oder Pfeil und Bogen an der Wand. Doch es war nur ein spärlich eingerichteter Raum mit Wäsche auf der Kommode, die nicht mehr in den Schrank passte, weil dort schon die Kleider ihrer Mutter den Platz belegten. Auf dem Kopfkissen ihres ungemachten Bettes lag eine schlanke Puppe mit schwarzem, zerzaustem Haar und einem rosa Ballettröckchen.
Ein tiefes Knurren aus Mozarts Kehle holte Johannes wieder in die Gegenwart zurück. Vor einem italienischen Restaurant auf der anderen Straßenseite war ein weißes undefinierbares Etwas von der Größe einer Schuhschachtel dem Kollabieren nahe und schickte sein aufgeregtes Gebell in Mozarts Richtung. Johannes überquerte mit schnellem Schritt die Gasse und zog den Conti, der sich nur kurz sträubte, am Halsband Richtung Altstädter Markt. Nachdem beide an der Marienkirche angekommen waren, setzte sich Mozart auf seinen muskulösen Hintern und sah Johannes erwartungsvoll an.
Hier war er mit Anni jeden Sonntag zum Gottesdienst verabredet gewesen. Seine Mutter hatte ihn immer in seinen schicken Anzug und das weiße Hemd gesteckt, das überall gekratzt hat. Und den roten Schlips hatte sie ihm oben in den Kragen geklemmt.
Der Conti stülpte seine Unterlippe weiter nach vorne, als könne er Johannes‘ Gedanken lesen und wolle sein Bedauern zum Ausdruck bringen.
Anni kam fast immer in einem schwarzen Rock und einer weißen Bluse, trug im Winter Nylonstrümpfe, die viel zu groß für ihre dürren Beine waren und im Novembersturm an ihnen herumflatterten. Aber … Gott, wie stolz er war, mit ihr durch den Kirchengang nach vorne zur Bank in der ersten Reihe zu gehen. Nein, falsch. Sie gingen nicht, sie schritten. Dabei blickten sie sich scheu an und grinsten, wenn ihre Blicke sich trafen. »Glaube mir, Moe, ich heiratete sie jeden einzelnen Sonntag. Deshalb muss ich jetzt da rein.«
Mozart saß weiter regungslos zwischen seinen Hinterläufen und glotzte Johannes mit gigantischen, schwarzen Halbkugeln an.
»Ich weiß, du verstehst das nicht, weil du ein nimmersatter Fleischfresser mit degenerierten Atemwegen bist.«
Ein kaum hörbares Gurgeln verkündete Mozarts Ungeduld.
»Ist ja schon gut. Komm jetzt.«

Die Kirche sah auf den ersten Blick immer noch so aus, wie sie Johannes in Erinnerung hatte. Auf den zweiten Blick war eine Glasfront hinzugekommen, die jetzt den Vorraum vom restlichen Innern trennte. Was praktisch war, da sie den störenden Lärm des Haupttors beim Betreten und Verlassen des Gebäudes abhielt. Der Saal war in schlichtem Weiß gehalten. Ebenso bescheiden wirkten die Holzbänke mit den dünnen, blauen Textilauflagen. Hinter dem Altar, über dem Binnenchor bis hin zur Apsis prangten an den Kreuzungspunkten der Deckenbögen immer noch die vielen Wappen, die er schon als Kind bewundert hatte. Schließlich blieb sein Blick an der Kanzel links neben dem Altar hängen. Wie oft hatte dort hinauf zu Pastor Wessing gestarrt, dessen respektvoller Umgang mit den wilden Jugendlichen Johannes fast dazu gebracht hätte, diesen Beruf selbst zu ergreifen. Er konnte sich noch gut erinnern damals die Frage aufgeworfen zu haben, wie es denn als Pfarrer mit der Heirat aussähe. Daraufhin lud ihn Pastor Wessing zu sich nach Hause ein und stellte Johannes seine Frau und die zwei Töchter vor.
»Schaffen Sie den Hund hier raus.« Die Stimme klang scharf und heiser. Mozart begann wieder zu gurgeln, aber Johannes bedeutete ihm mit einer Handbewegung, ruhig zu sein. Dann drehte er sich gemächlich in die Richtung, aus der das Zischeln kam. Im Dunkel unter der Empore machte Johannes eine dürre Gestalt aus, die einen Stapel mit Prospekten in den Händen hielt. Anscheinend beabsichtigte der Mann gerade, diese in den Ständer vor sich zu sortieren. Nun unterbrach er seine Arbeit und trat aus dem Schatten heraus. Johannes blickte auf ein fahles, hageres Gesicht. Er und Marie machten sich oft einen Spaß daraus, willkürliche Menschen auf der Straße oder in Restaurants mit Berühmtheiten aus Filmen zu vergleichen. Erst letzte Woche war an der Bar im Sachsenhäuser Kaliko ein Hitchcock-Double volltrunken von seinem Sitz gerutscht und hatte dabei sämtliche Hocker wie Dominosteine zu Boden gestoßen. Aber heute stand definitiv der gealterte Christopher Lee vor ihm. Sein Anzug glich dem eines Totengräbers und das dünne, graue Haar war mit einer Pomade nach hinten gekämmt.
»Ich sagte, Sie sollen das Tier hier rausschaffen.«
»Das ist Mozart.« Johannes‘ Gegenüber wirkte konsterniert, was ein paar Sekunden lang Stille brachte.
»Egal wie musikalisch dieser Köter ist, er wird mir hier irgendwo hinpissen. Das tun sie immer, wenn sie sich hier reingeschlichen haben.«
»Moe pinkelt nur dort hin, wo es stinkt.«
Wieder rang Christopher Lee um Selbstbeherrschung. »Er muss hier raus. Bitte. Tiere sind …«
»Sind Sie der Pfarrer?«
Die Miene des bleichen Totengräbers, der immer noch den Stapel Prospekte wie eine Botschaft der Zeugen Jehovas in den knochigen Händen hielt, verdüsterte sich um eine weitere Nuance.
»Sehe ich vielleicht aus wie ein Pfarrer? Wirke ich wie ein Marktschreier, der seine Ware sonntäglich an die Gemeinde bringt? Nein, mein Herr, ich bin nicht der Prediger, ich bin der Dramaturg und, wenn Sie es so verstehen wollen, der Manager dieses Hauses Gottes. Ich bin der Küster!«
Die letzten Worte hatte er wohl schreien wollen, doch seine Stimme war inzwischen so heiser, dass sie nur noch mit einem gut funktionierenden Gehör zu vernehmen war.
Johannes ließ im Geist sein Gesichtserkennungsprogramm durchlaufen. Er erinnerte sich an einen Jungen, den sie Küster genannt hatten. Natürlich hatte Anni einen anderen Namen für ihn: Spargelgeist. Er war fast doppelt so alt wie die Kinder, die sich üblicherweise auf dem Spielplatz trafen, lungerte aber regelmäßig in der Nähe herum. Stumm und unbeteiligt beobachtete er uns fast jeden Tag. Irgendjemand kam damals mit der Neuigkeit, dass er der neue Hausmeister der Marienkirche werden sollte.
»Mein Bruder sagt, der wohnt dort in der Gruft, weil ihn seine Mutter rausgeschmissen hat, weil sie ihn nackt mit seiner Kusine erwischt hat.« Fritzel kannte natürlich wieder alle Details, und je öfter er die Geschichte erzählte, desto mehr rückte die nackte Kusine ins Rampenlicht der Schilderung.
»Ruben, nicht wahr?« Johannes erinnerte sich an den Namen des hageren Jugendlichen von damals. »Ruben Pirkner.«
»Kennen wir uns etwa?« Mit schlurfendem Gang kam der Küster näher, bis Mozarts Verlegenheitsgähnen ihn veranlasste, stehenzubleiben.
»Du hast in dem Haus neben dem Spielplatz gewohnt. Hast oft auf der Bank gesessen oder an der Hauswand gelehnt, als ob … du auf jemanden wartetest.« Johannes vermied es, die Vermutung auszusprechen, er hätte die Kinder beobachtet.
»Du warst bestimmt der mit der Rotznase und dem vorlauten Mundwerk.«
»Das war Fritzel.«
»Fritzel Ommer, richtig.« Ruben wedelte Johannes mit den restlichen Prospekten vor der Nase herum. »Hat Karriere als Gelegenheitsarbeiter gemacht. Das letzte Mal habe ich ihn unten am Hafentor gesehen. Gekrümmter Gang. Schwarze, durchbrochene Zahnreihen. Er wagte nicht mal, mich anzuschauen.«
In Rubens Stimme lag Hochmut. Johannes fühlte Mitleid mit Fritzels Rotznase. Offenbar war Ruben gut informiert und bereit, Informationen preiszugeben. »Erinnerungen an Gerd?«
»Gerd Rassmus, der hat’s zu was gebracht. Kunststück bei der Hinterlassenschaft. Aber er hat was aus seinem Erbe gemacht. Endlich mal einer, der das Geld seiner Eltern nicht verlebt hat. Vom Vermessungsbüro des Vaters zum Multikonzern. Wohnt aber schon lange nicht mehr hier. Wiesbaden oder so.« Ruben schob sein Gesicht ganz nah an das von Johannes, als ob er seine Kurzsichtigkeit ausgleichen müsste. »Aber wer, in Gottes Namen, bist du?«
»Johannes Wilke«
Ruben ließ den Kopf in den Nacken fallen und starrte eine Zeit lang an die Decke der Kirche, als stünden dort seine Erinnerungen geschrieben. »Ah, der Johnny. So haben sie dich immer genannt. Der kleine Johnny; hab ich recht? Du hast fast immer auf dem Klettergerüst gesessen, stimmt’s?«
Johannes nickte.
»Hinter dir dein Kumpel mit der Narbe am Knie. Wie hieß der nochmal? Walter oder … nein, warte. Jetzt hab ich’s: Günnni. Günther Schnall. Ist der nicht Sportjournalist geworden?«
Günther war der mit dem aufgerissenen Knie auf den Treppen zur Johanneskirche. Die daraus resultierende Narbe hatte er jedem Kind mindestens hundert Mal gezeigt. Aber der hatte nie mit Johannes auf dem Klettergerüst gesessen. »Das war Anni. Ich hab mit Anni dort gesessen.«
Ruben schien irritiert. »Mit wem?«
»Anni Wonn. Mit ihr habe ich … Erinnerst du dich nicht an sie?«
Ruben verzog das Gesicht und schüttelte den Kopf. »Ich habe die ganze Bande noch gut im Gedächtnis, aber da war kein Mädchen dabei. Nein, kein Mädchen.« Ruben senkte den Kopf und seine Stimme wurde zu einem heiseren Flüstern. »So, jetzt muss ich diese Reklamezettel für das Orgelkonzert auslegen. Interessiert?« Er hielt Johannes eine der Werbeblätter hin. Der ignorierte das Angebot jedoch und blickte Ruben fragend an, worauf dieser sich abwandte und zurück zum Prospektständer schlurfte.
»Du willst sie nicht kennen, hab ich recht?«
»Vielleicht kam sie später dazu.«
»Wie, später?«
»Du weißt schon, später halt, als ich schon hier zu tun hatte.« Ruben versuchte, die Zettel hastig in das Fach des Prospekthalters zu stopfen.
»Warum willst du dich nicht an Anni erinnern? Kann dir doch egal sein. Ist doch schon fünfzig Jahre her.« Einen Moment überlegte Johannes, ob er Ruben den Spitznamen nennen sollte, den Anni für ihn erfunden hatte. Vielleicht hätte er sich dann an sie erinnert. Aber irgendwie hatte Johannes das Gefühl, dies besser nicht zu tun.
»Soll das heißen, ich denke mir das aus? So ein Quatsch! Es gab keine Anneliese Wonn!« In diesem Moment glitten Ruben die restlichen Prospekte aus den Händen und segelten zu Boden. »Siehst du, was du angerichtet hast, Johnny?«
Johannes bückte sich nach den Zetteln, aber Ruben streckte ihm den Arm entgegen. »Geh einfach, Johnny, sofort. Und nimm die schwarze Ausgeburt der Hölle mit.« Dabei zeigte er auf Mozart.
»Aber …«
»Jetzt, sofort. Du bist nicht hier, um zu beten.«
Johannes kramte einen Zehn-Euro-Schein aus seinem Portemonnaie und steckte ihn in den Schlitz des Opferstocks, auf dessen Vorderseite ein aufgeklebter Zettel dem Spender herzlich dankte. Dann gab er dem Conti ein Zeichen, ihm zu folgen. Als er die Glastür zum Vorraum öffnete, hörte er noch einmal Rubens heisere Stimme: »Das war Günther auf dem Gerüst, der mit der Narbe auf dem Knie.«

Johannes setzte sich auf eine der beiden Bänke des Kirchplatzes, während Mozart in den spärlichen Büschen an der Straße Neuigkeiten erschnüffelte. Etwas an dem Gespräch mit Ruben war seltsam gewesen. Es war weder die Tatsache, dass sich Ruben nicht mehr an Anni hatte erinnern können, noch die barsche Art, wie er diese Gedächtnislücke zum Ausdruck gebracht hatte. Eine Sache passte nicht zu Johannes‘ Logik, doch er konnte nicht sagen, was es war. Ein Wort, ein Name, ein Begriff war nicht stimmig gewesen. Johannes ging den Dialog noch einmal durch. Küster – Ruben – Fritzel – Gelegenheitsarbeiter – Gerd – Erbe – Günni – Klettergerüst – Anneliese. Johannes schreckte hoch. Das war es. Er selbst hatte immer nur von Anni gesprochen. Das hätte auch für Annemarie stehen können, oder für Anna oder Annegret. Doch Ruben sagte: Anneliese Wonn.

»Oh je, sie kommen, oh je!«
Johannes fuhr herum. Ein Mann mit der Statur eines Jahrmarktboxers, aber merkwürdig verrenkter Körperhaltung eilte, ein Bein hinter sich her ziehend, über den Kirchplatz. Seine verschlissene Kleidung flatterte wild an ihm herum. Um seinen Hals und seine Schultern hingen alle möglichen Dinge: ein altes Transistorradio, eine Fernglastasche, ein lederner Tornister und eine Plastikbox. In seinem verzogenen Gesicht spiegelte sich Angst wider. Er schlurfte hektisch am Bonhoeffer-Haus vorbei in Richtung Altstädter Markt.
»Das ist doch Uto! Komm, Moe! « Johannes schnellte auf die Straße und rief dem Mann hinterher: »Warte, Uto! Was ist denn los?«
Uto streckte den Arm aus und deutete hinter sich, während er seinen gewaltigen Körper weiter vorbei am Goldschmiedehaus schleppte. »Oh je, heute kriegen sie mich, oh je!«
Johannes sah jetzt den Grund für Utos Panik. Zwei Halbwüchsige schossen um die Ecke des Bonhoeffer-Hauses, verlangsamten aber ihre Geschwindigkeit, als sie die Straße blockiert sahen. In ihre kurzgeschorenen Haare waren an den Seiten und hinten Symbole einrasiert. Der Anführer blieb wippend vor Johannes stehen.
»Hey, du stehst hier Scheiße im Weg, Alter. Mach sofort Straße sauber, verstehst du?«
Johannes schaute sich kurz um und sah, dass Uto bereits in die Metzgerstraße einbog. Dann wandte er sich wieder an den Jungen. »Der ist nicht euer Kaliber.«
»Willst du uns anscheißen mit Kaliber von Pistole? Bist du Gangster oder was? Bist du aber in meine Stadt, Alter. Hier bin ich Gangster.«
Johannes hoffte, sein Gesichtsausdruck wirke unbeeindruckt und zeige dies auch seinem Gegenüber. »Dreht einfach um und verschwindet.«
»Hast du noch alle Teller in Kiste, Alter? Weißt du was ich …«
»Moe, Katze!«
Sandkastentod_Moe(Hund)Ein tiefes Knurren offenbarte nun, dass in dem Conti ein echter Continental Bulldog steckte. Sein knuddeliges Knautschgesicht sah nun alles andere als niedlich aus. Die Lefzen hatte er nach oben gezogen und entblößte ein Paar gefährlicher Zahnreihen. Sein Körper war gestrafft und ließ über 30 kg Muskelmasse erkennen.
»Hör gut zu Affe, das hier war schon meine Stadt, da hast du noch lange als weißer Käse im Schaufenster gelegen. Und wenn ich jetzt nur mit meinem Finger schnippe, verbeißt sich mein Freund hier in deine Rosinen und lässt sie erst wieder los, wenn er sie richtig durchgekaut hat. Danach reiße ich dir die Augen raus und piss auf dein Hirn. Hast du das verstanden?« Johannes liebte die Sprüche aus ‚Die Glücksritter‘. Den Film hatte Marie mit ihm bestimmt schon acht Mal gesehen. Sein Gegenüber kannte wahrscheinlich weder den Film, noch wusste er, wer Eddie Murphy oder Dan Akroyd waren. Er ging langsam rückwärts und deutete dabei drohend mit dem Finger auf Johannes. »Bist scheiße drauf. Was, Alter? Das nächste Mal schwör ich dir, voll auf die Fresse.« Dann spuckte er auf die Gasse, aber nicht ohne einen Teil der Spucke auf seiner Lederjacke zu verteilen. Seinen Kumpel schob er dabei unsanft zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Johannes schaute Mozart mit einem Grinsen an. »Das Beste, was ich dir je beigebracht habe, ist der Katze-Trick.« Er glaubte nicht, dass der Conti jemals einen Menschen anfallen würde, aber bei dem Wort ‚Katze‘ machte Mozart immer einen furchterregenden Eindruck, der jedem einen Höllenrespekt einflößte.
Während beide den Altstädter Markt überquerten, dachte Johannes an Uto. In der hünenhaften Gestalt hatte schon damals der Geist eines Kindes gesteckt, und man hatte gewusst, dass sich das nie ändern würde. Die vielen Dinge wie das Transistorradio und das Fernglas, an denen Johannes ihn vor der Kirche erkannt hatte, hatte Uto schon damals stetig mit sich herumgetragen. Immer wenn er an dem Spielplatz vorbeikam, war er unter lautem Johlen begrüßt worden. An manchen Tagen bekam sich Uto vor Hochstimmung kaum noch ein und stieß ein markerschütterndes Jaulen aus. Möglicherweise wurde er ab und zu auf die Schippe genommen, aber der Respekt ihm gegenüber bestand zu jeder Zeit. Nie wurde er beleidigt oder in irgendeiner Weise körperlich bedroht. Niemand hätte gewusst, warum er das tun sollte.
Als Johannes aus seinen Gedanken auftauchte, fand er sich vor dem Spielplatz wieder. Im Gegensatz zu früher lag der jetzt vollkommen im Schatten von Bäumen, die teilweise schon eine stattliche Größe erreicht hatten. Wo sich damals das Klettergerüst befunden hatte, stand heute eine Rutsche, die aus einem gelben Turm mit rotem Dach ragte. Weiter vorne stand eine Schaukel und am Rand eine Drehscheibe und eine Bank, damit die Mütter ihre Kleinen auf dem Karussell beobachten konnten. Johannes konnte sich nicht erinnern, dass damals jemals Eltern den Spielplatz betreten hätten. Am Zaun zur Straße hin stand ein Abfallkorb, um den herum all das auf dem Boden lag, was in den Behälter gehört hätte. Das Moulin Rouge war zu einem Graffiti-Kubus verkommen und hatte jegliche Ähnlichkeit mit einem Sex-Club verloren.
Trotz des Verbotshinweises für Hunde setzte sich Johannes auf die Bank und gebot Mozart darunter Platz zu machen.
»Oh je, keine Hunde, oh je!« Die Stimme kam aus einem Busch hinter der Drehscheibe.
»Komm raus, Uto, sie sind weg.«
Uto streckte den Kopf durch die Zweige und verbarg ihn anschließend hinter der verschlissenen Jacke.
»Ich bin der Johnny. Erinnerst du dich an den kleinen Johnny? Das bin ich.
Einen Augenblick später raschelte der Busch, als Uto zögernd daraus hervorkam. »Der kleine Johnny, oh je. Hat keine Haare mehr.«
Johannes schmunzelte und klopfte neben sich auf die Bank, doch Uto blieb stehen und zeigte auf Mozart. »Oh je, keine Hunde, oh je!«
»Das ist Moe, Uto, nicht irgendein Hund, sondern Moe.«
»Moe?«
Mozart stellte die Ohren auf und hielt den Kopf schief, als über ihn gesprochen wurde.
»Oh je, das ist Moe, kein Hund.« Uto betrachtete Mozart argwöhnisch.
»Ist lange her, Uto. Kannst du dich noch erinnern? An damals und die Kinder hier?«
Utos schiefer Mund öffnete sich und ließ einen gurgelnden Laut hören, der nach Johannes‘ Ermessen ein Lachen darstellte. Dem alten Mann trat Speichel über die Lippe, der zum Kinn hinunter lief. »Johnny ja, oh je.« Dann erstarrte sein Ausdruck und wurde grimmig. Er ließ ein grauenvolles Jaulen hören, reckte seinen Arm in Richtung Johannes und zitterte am ganzen Körper. Seine Stimme hatte die Lautstärke eines Nebelhorns. »Oh je, die Kinder und der Johnny und … oh je, Mädchen tot! Mädchen tot!«


Das nächste Kapitel ist damit auch beendet. Fortsetzung folgt. Was es damit eigentlich auf sich hat, könnt ihr hier nach lesen. Falls ihr Kapitel 1 noch nicht gelesen habt, könnt ihr diesen Link folgen.

Mel

Copyright liegt bei Melanie Döring. Zuwiderhandlung führt zu empfindlichen Strafen. Zur Nutzung einzelner Auszüge, fragen sie dies bitte an bei bookrecession@gmail.com an.

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2 Kommentare

Eingeordnet unter Allgemein, Krimi, Sandkastentod

2 Antworten zu “Kapitel 2 – „Sandkastentod“

  1. karin

    Hallo Mel,

    nette Geschichte, ziemlich ergreifend würde ich mal sagen.

    LG..Karin..

    Gefällt 1 Person

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