Leseprobe zu „Am dreizehnten Tag“

1461896_590214507704761_1586318093_n1. Am Tag zuvor
Nur selten verirrte sich ein Fremder in die Ruelle-Gasse am
Ende der Rue Münster. Schon gar nicht um diese Tageszeit, zu
der die Touristen in den Braustuben der LuxemburgerAltstadt
saßen. Über der Straße lag Dunkelheit. Gnädig verhüllte sie
die Baufälligkeit einiger Gemäuer.
Kein Haus glich dem anderen. Es gab hohe Gebäude und solche,
die sich zu ducken schienen, jene, deren Farbe abblätterte,
und Häuser, deren Fassaden in allen Farben des Regenbogens
erstrahlten.
Tagsüber beschatteten bunt gestreifte Markisen die Läden im
Erdgeschoss. Auf den Fensterbrettern der Wohnungen standen
Kästen voller blühender Geranien. Rote, rosafarbene, weiße und
lila Blüten leuchteten mit dem satten Grün der Blätter um die
Wette. Nicht selten blieb ein Besucher entzückt vordieser
Farbenpracht stehen.
Doch nun waren die Markisen längst eingerollt und die Blüten
hatten ihre Blätter zur Nacht geschlossen. Eine einzelne
Laterne spendete gerade genug Licht, um den Bordstein zu
beleuchten. In der Ferne erklang die Glocke einer
Kirchturmuhr, sie schlug halb zwölf. Die meisten Bewohner der
Ruelle-Gasse schliefen bereits. Nur aus Haus Nummer13 drang
Licht durch eines der Butzenfenster in der Dachgaube.
Susanna saß, ein Kissen hinter den Rücken gestopft,im Bett
und las in einem dicken Wälzer. Vor einer ganzen Weile hatte
Albin, Susannas Vater, Gute Nacht gesagt und das Licht
gelöscht. Sie sollte längst schlafen, doch das Buchließ sie
nicht los. Sie hatte es am Mittag im Regal mit den
Lieblingsbüchern ihrer Mutter gefunden. Es war ihr vorher nie
aufgefallen. Dabei hätte sie schwören können, alle Bücher dort
zu kennen.
Seit dem Nachmittag schmökerte sie, die Geschichte spielte
im Orient. Susanna liebte Märchen aus 1001 Nacht. Daher hatte
sie, gleich, nachdem der Vater zu Bett gegangen war, nach der
Taschenlampe in der Nachttischschublade gekramt. Gerade las
sie:
Die Menschen zerstörten die Karaffen, in denen die
Geistwesen auf ihre Befreiung hofften. Viele Geister verloren
ihr Leben, einige verloren den Verstand und tötetenin ihren
Rachegelüsten wahllos Menschen. Auf beiden Seiten wuchs die
Angst.
Die Geistwesen erkannten die Notwendigkeit, zu fliehen. Sie
gelangten an den Rand des Goldenen Ozeans. Es gab kein zurück.
In der Ferne erklangen Jagdhörner. Unruhig wirbelten die
Geistwesen umher. Wie auf ein unsichtbares Signal hin setzten
sie sich in Bewegung. Als der letzte Geist in den Ozean
eintauchte, galoppierten die Verfolger auf den Strand. Und die
Jäger begannen zu jubeln.
Wie wenig die Menschen doch wussten. Von diesem Moment an
würden sie auf sich gestellt sein.
Susanna ließ das Buch sinken. Diese Geschichte berührte sie
sehr. Mit dem Handrücken wischte sie sich eine Träne von der
Wange. Unschlüssig starrte sie die Buchstaben an. Eines
erschien ihr unlogisch. Wenn eine Karaffe zerstört wurde,
müsste der Geist doch entkommen? Wieso klang es so,als kämen
die Wesen ums Leben? Susanne gähnte. Ob sie weiterlesen
sollte? Oder sollte sie besser versuchen zu schlafen?
Sie kam nicht dazu, eine Entscheidung zu treffen, denn aus
dem Flur drang ein Fluch ihres Vaters. Er war über ein
strategisch aufgestelltes Paar Stiefel gestolpert.
„Verdammt“, schimpfte er. Schnell schaltete Susannadie
Taschenlampe aus und rutschte ein Stück tiefer in ihrem Bett.
Die Tür öffnete sich. Ein schwacher Lichtschein fiel
hindurch.
„Susanna? Schläfst du?“, flüsterte er.
Sie schwieg. Gleichmäßig atmen, befahl sie sich.
„Denk daran – morgen ist Schule. Langsam bist du alt genug,
um vernünftig zu sein. Außerdem solltest du nicht unter der
Bettdecke lesen. Mit der Funzel machst du dir nur die Augen
kaputt.“ Ehe er ging, wisperte er noch: „Letztendlich ist es
deine Entscheidung.“
Als er die Tür leise hinter sich schloss, atmete Susanna
auf. Was das wieder sollte? Erst spielte er den Kontrollfreak
und dann wieder dieses ‚Es ist deine Entscheidung‘.Sie
bildete sich ein, Resignation herausgehört zu haben. Sie
hasste das. Entweder hüh oder hott, hatte ihre Mutter stets
gesagt. Susanna seufzte. Es wäre viel einfacher, würde er
klare Ansagen erteilen.
Sie setzte sich auf. Mit einem Klick schaltete sie erneut
die Taschenlampe ein. Das Buch war zwischen die Falten der
Bettdecke gerutscht. Susanna tastete danach und zoges hervor.
Sie schlug es auf, doch statt darin zu lesen, dachte sie an
ihre Mutter.
Vor drei Jahren war Sarah Aschem gestorben. Wie so oft
wünschte Susanna sich, sie wäre noch bei ihnen. Seit dem Tod
ihrer Mutter hasste Susanna Geburtstage. An solchenTagen
feierte man das Leben. Es war so verdammt ungerecht. Was gibt
es bei uns schon zu feiern?
Mit zittrigen Fingern schaltete sie die Taschenlampe aus.

2. Ein verrückter Geburtstag
Der gelbe Anstrich des Hauses leuchtete in der Morgensonne,
als die Haustür aufschwang. Susanna trat hindurch und steuerte
nebenan auf den kleinen Laden zu, vor dem Albin ächzend eine
orange-weiß gestreifte Markise entrollte.
„Guten Morgen, Geburtstagskind. Wie fühlt man sich mit
dreizehn?“, fragte er mit dröhnender Stimme.
„Toller Morgen.“
Susanna zog eine Grimasse. Ohne zu zögern, ging sieauf die
Ladentür zu. Ein geschmiedetes Schild baumelte darüber im
Wind. Mit verschnörkelter Schrift verkündete es:
Sarah und Albin Aschem
Teespezialitäten.
Viel brachte das Geschäft nicht ein, gerade genug, um die
wichtigsten Ausgaben abzudecken. In den letzten zwei Jahren
waren sie oftmals so pleite gewesen, dass es nicht einmal für
ein Weihnachtsgeschenk gereicht hatte. Normalerweise
beschwerte sich Susanna nicht, aber manchmal waren ihr die
ärmlichen Verhältnisse vor den Mitschülern peinlich.
Sie drückte gegen den eisernen Knauf und trat ein. Der Laden
bestand nur aus zwei Räumen, einem winzigen Hinterzimmer und
dem Verkaufsraum. Dieser bot gerade genug Platz fürdrei
Regale und eine Theke. Gleich neben dem Eingang standen einige
Teekisten und ein Überseekoffer.
Susanna schloss die Tür hinter sich. Sofort umfing sie der
köstliche Duft von getrockneten Teeblättern. Die Leidenschaft
für alles, was sich aufgießen ließ, hatte Susanna von ihren
Eltern geerbt. Als kleines Mädchen war sie nicht selten
zwischen den Kisten eingeschlafen, berauscht von den Aromen.
Sie liebte es dem Hauch von Vanille, Zimt oder Pfirsichblüten
nachzuspüren oder in dem kräftigen Duft marokkanischer Minze
zu schwelgen. Ihre Eltern hatten es nie gern gesehen, wenn
Susanna sich allzu lange im Laden aufhielt. Vor allem um das
Hinterzimmer veranstalten sie stets ein großes Brimborium. Bis
heute war der Raum für Susanna tabu.
Sie trat an die Tür der kleinen Kammer. Was, wenn sie
einfach hineinginge? Sie schielte nach draußen, Albin kämpfte
immer noch mit der Markise. Jetzt oder nie. Entschlossen
drückte Susanna die Klinke hinunter. Doch die Tür gab nicht
nach.
„Mist“, fluchte sie. Was hatte sie erwartet? Albin hatte
noch nie vergessen, abzuschließen. Den Schlüssel trug er immer
bei sich – an einer Uhrenkette in der Hosentasche.
Susanna betrachtete ihren Vater durch das Schaufenster. Wie
er wieder herumlief, dieser verknautschte Anzug, die wirren
Haare. Er sah aus, wie ein etwas zu sauberer Penner.
Sie sah auf die Uhr. Shit. Wenn sie pünktlich zur Schule
kommen wollte, musste sie sich beeilen. Sie trat anden Tresen
und öffnete die silberne Kanne, um Tee aufzugießen.Gleich
daneben stand eine Schale mit Plätzchen. Sie stellte den
Teller zur Seite und ignorierte die Verlockung. Diese Kekse
waren für sie verboten. Sie waren unter allen Umständen den
Kunden vorbehalten. Natürlich hatte Susanna hin undwieder
davon genascht. Aber jedes Mal hatten ihre Eltern sie
gezwungen, das halb zerkaute Plätzchen wieder auszuspucken.
Irgendwann hatte sie sich mit dem Verbot abgefunden.
Das Klingeln der Türglocke verriet, dass Albin den Kampf mit
der Markise gewonnen hatte.
„Zeit fürs Frühstück“, verkündete er.
Susanna beachtete ihn nicht.
„Bist du zu müde, um mit mir zu sprechen?“, fragte er. Als
sie schwieg, fuhr er fort: „Du warst bestimmt noch wach, als
ich gestern Abend nachgesehen habe. War wohl keine gute
Nacht?“
„Phh.“ Susanna ließ die Luft durch die Zähne zischen. Du
hast doch nicht die geringste Ahnung, wie ich mich fühle,
dachte sie.
„Sei doch nicht so. Ich weiß, wie sehr du deine Mutter
vermisst.“
Er trat neben sie und legte einen Arm um ihre Schulter.
„Mir fehlt sie auch, jede Sekunde. Aber es muss weiter
gehen.“ Er stockte.
Susanna wand sich unter seinem Griff. Sie starrte auf den
Fußboden und versuchte ihren Vater zu ignorieren. Dieses
Gespräch hatten sie schon zu oft geführt.
„Du bist jung, schau nach vorn. Das Leben hat so viel zu
bieten“, fuhr Albin fort.
Nun löste sich Susanna endgültig aus seinem Arm. Sie hasste
diese Sprüche. Davon ging es ihr auch nicht besser – nicht mal
für eine Minute. Am liebsten hätte sie ihn angeschrien: „Lass
mich in Ruhe!“ Stattdessen schwieg sie, schubste lediglich
seine Hand zur Seite, als er erneut nach ihr griff.Er machte
keinen weiteren Versuch, sie zu berühren, sondern drehte sich
um. Seine Schultern zuckten. Susanna schluckte. Natürlich litt
er genauso wie sie. Sie sah es ihm an, jeden Tag. Wann hatte
er zum letzten Mal gelacht? Sie erinnerte sich nicht.
Es lag nun fast drei Jahre zurück, als ihr Vater sie gegen
seine Gewohnheit von der Schule abholte.
„Susanna, ich muss mit dir sprechen“, hatte er damals
gesagt. Seine Augen hatten komisch ausgesehen, farblos, wie
mit Bleistift gezeichnet. Merkwürdig, dass sie sichgerade
daran erinnerte.
„Wir beide müssen jetzt zusammenhalten“, hatte er gesagt.
Als er angefangen hatte zu weinen, wusste sie, es war etwas
Schlimmes geschehen. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Mutter
bereits seit drei Wochen fort gewesen, verreist in den Süden,
zu ihrer Familie, ans Meer. Susanna hatte sie darumbeneidet.
Satzfetzen kreisten umher. „Beim Schwimmen ertrunken … –
zu weit hinaus geschwommen … – sie hat sich überschätzt.“
Es dauerte lange, bis Susanna die Bedeutung der Worte
verstand. Albin telefonierte sehr viel. Dann bekamen sie Post.
Eine Woche war vergangen, da fand Susanna im Wohnzimmer einen
Pappkarton vor. Neugierig öffnete sie das Paket. Ein grünes
Gefäß kam zum Vorschein. Wer schickte ihnen eine Deckelvase,
eine grüne obendrein? Sie suchte nach einem Absender, doch der
Karton war nicht beschriftet. Albin kam herein. Er setzte sich
neben Susanna und nahm ihre Hand.
„Darin sind Mamas sterbliche Überreste.“ Er wies auf die
Urne. „Ihre Asche.“
Das Gefäß faszinierte und erschreckte Susanna zugleich. Sie
zögerte, dann ergriff sie die Urne und hielt sie ans Ohr.
Vorsichtig bewegte sie das Ding hin und her. Nichts, es schien
leer zu sein.
Das also war von ihrer Mutter übrig geblieben: Nichts!
Als eine halbe Stunde später der Bestatter die Urneabholte,
weinte Susanna. Auch in den Wochen und Monaten danach weinte
sie oft.
Keine schöne Erinnerung.Sie rieb sich die Augen und
schüttelte die Vergangenheit ab. Ihr Blick fiel aufdie Uhr.
Mist, schon so spät. In einem Zug leerte sie die Tasse,griff
nach ihrer Schultasche, murmelte: „Ich muss gehen“,und
verließ ohne Abschied den Laden.
Sie flitzte los, spurtete schmale Gassen entlang und
überquerte zahlreiche Kreuzungen. Ätzend, diese Rennerei.Sie
schnaufte. Endlich sah sie in der Ferne das Schulgebäude durch
die Bäume. Wenn sie noch ein wenig schneller lief, könnte sie
pünktlich zum Unterrichtsbeginn da sein. Sie mobilisierte ihre
letzten Kräfte.
Gerade wollte sie durchstarten, als sie kaum einen Meter von
ihr entfernt jemanden stehen sah. Es handelte sich um einen
alten Mann, ein richtiger Greis, mit schlohweißem Haar und
wirrem Bart. Wo kam er auf einmal her? Beinahe hätte sie ihn
umgerannt. Susanna blieb stehen und betrachtete denMann
neugierig.
Während sie noch darüber nachdachte, ob sie den Mann
irgendwoher kannte, streckte der Alte in einer ruckartigen
Bewegung seine geballte Faust in Susannas Richtung.
Erschrocken sprang sie ein Stück zurück. Erneut musterte sie
ihn. Eigentlich wirkte er nicht bedrohlich, alt undklapperig,
wie er war und mit diesem zahnlosen Grinsen. Die Falten in
seinem Gesicht vertieften sich, als er zu nuscheln begann.
Susanna lauschte angestrengt, aber sie verstand kein Wort. Was
wollte er ihr sagen?
Immer noch hielt der Mann Susanna seine Faust entgegen, die
geschlossene Seite der Erde zugewandt. Nun öffnete er die
Finger und beschrieb mit dem Arm einen Bogen. WeißeSchnipsel
rieselten zu Boden – direkt vor Susannas Füße. Sie stutzte.
Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass es Blütenblätter
waren. Sie schüttelte den Kopf. Wahrscheinlich handelte es
sich nur um einen harmlosen Spinner. Und für einen solchen
Unfug riskierte sie einen Klassenbucheintrag.
Entschlossen trat Susanna zur Seite und stapfte vorwärts.
Die Mathestunde wartete auf sie. Doch sie kam nichtan dem
Alten vorbei, denn im gleichen Moment sprang er aufsie zu.
Für sein Alter war er erstaunlich beweglich. Seine Hand
näherte sich Susannas Oberarm. Sie schauderte. Am ganzen
Körper stellten sich ihre Haare auf. Langsam wurde ihr der Typ
unheimlich.
„Lassen Sie mich in Ruhe“, rief sie und wich seiner
Berührung aus. Er bewegte sich nicht, sah sie nur eindringlich
an. Er schien mehr neugierig als böse, dennoch fröstelte es
Susanna.
Nur fort von hier.Sie wechselte die Straßenseite und
brachte ein Stück Weg zwischen sich und den Fremden. Noch im
Weggehen spürte sie ein Prickeln in ihrem Nacken. Sicher sah
er ihr nach.
Natürlich kam sie zu spät zum Unterricht. Das Klingeln der
Glocke verhallte bereits in den Gängen, als sie in den
Klassenraum stürmte.
„Schön, dass du es zu uns geschafft hast“, sagte Herr
Müller, Susannas Mathematiklehrer. Er setzte sein
Klassenbucheintrags-Lächeln auf. „Dann wollen wir deine
Pünktlichkeit einmal vermerken. Wenn du außerdem sogut wärst,
gleich an die Tafel zu kommen?“
Wie immer vergeigte sie die Aufgabe – dämliche Geometrie.
Herr Müller notierte grinsend eine Fünf. Mistkerl,dachte
Susanna.
„Warum hast du nicht gesagt, dass du Geburtstag hast?“,
flüsterte ihre Sitznachbarin, als Susanna sich endlich
hinsetzen durfte.
„Spinnst du? Ich mach doch hier keinen auf Mitleid.“ Empört
raufte sie sich die ohnehin schon wirren Haare.
Zum Glück überstand sie den Rest der Stunde ohne weitere
Zwischenfälle. Aber der Tag war noch nicht zu Ende.Nach
Biologie und Englisch stand eine Doppelstunde Kunstauf dem
Plan.
Langweilig, dachte Susanna, als sie den Zeichensaal betrat.
Sie ließ sich auf den Holzstuhl plumpsen. Es dauerte keine
Sekunde, bis der Tumult losbrach. Seit ein Referendar die
Klasse unterrichtete, ging es drunter und drüber. Alle redeten
durcheinander und manchmal hielt es die Jungs nichteinmal auf
den Plätzen.
Susanna blendete den Lärm aus und schaute aus dem Fenster.
Auf dem Fensterbrett saß ein Spatz und blickte in ihre
Richtung. Susanna spitzte die Lippen und flötete eine
Tonfolge.
Der Spatz hielt in seiner Bewegung inne. Er neigte den Kopf
und blickte Susanna an, als hätte er sie verstanden. Sie
könnte schwören, er sah ihr direkt in die Augen. Zwinkerte er
ihr zu?
Draußen ertönte ein Pfiff, zu laut und schrill, um von dem
Vogel zu stammen. Susanna beugte sich vor. Unten stand eine
Frau. Sie winkte, wandte sich um und lief auf die Straßenecke
zu.
Der Sperling klopfte mit seinem Schnabel gegen das Glas.
Susanna schaute ihn verwirrt an. Ach was, das bilde ich mir
nur ein.In diesem Augenblick kam die Sonne hervor. Ein
Lichtstrahl erfasste den Vogel. Während er sich in die Luft
schwang, veränderte sich die Farbe seines Gefieders. Statt in
Braun leuchtete es nun in sattem Grün. Kaum einen Atemzug
später verschwand die Sonne wieder hinter einer Wolke und das
Farbenspiel erlosch.
Mit kräftigen Flügelschlägen flog der Spatz der Frau
hinterher. Durch das schmutzige Fenster konnte Susanna nicht
richtig erkennen, was draußen geschah. Fast schien es, als
unterhielten sich die beiden. Eine Weile schwebte der Vogel in
der Luft, ehe er sich auf der Schulter der Frau niederließ.
Gemeinsam gingen sie davon.
Kopfschüttelnd sah Susanna ihnen nach. Heute war wirklich
ein komischer Tag!

3. Das Paket
Ein Gewitter bahnte sich an. Grau und schwer zogen sich die
Wolken zu einer dichten Decke zusammen. Susanna fror. Zitternd
schloss Susanna die Knöpfe ihrer Jacke. Trotzdem drang der
Wind durch den Stoff.
Als sie in die Ruelle-Gasse einbog, begann es zu nieseln.
Zum Glück erreichte sie rechtzeitig das Haus. Sie rief einen
kurzen Gruß in den Teeladen und stieg die Stufen zuder
kleinen Dachgeschosswohnung hinauf.
Das Kochen des Mittagessens war Susannas Aufgabe. Heute gab
es Spinat, Kartoffelpüree und Spiegelei. Bei diesemGericht
konnte nicht viel schief gehen.
Während sie für das Püree einen Topf mit heißem Wasser und
Milch füllte, klingelte es.
Susanna und Albin bekamen nicht oft Besuch. Wer konnte das
sein?Sie drückte auf den Knopf, der die Haustür entriegelte.
Da es einen Moment dauerte, vier Stockwerke hinauf zu steigen,
kehrte sie zurück in die Küche, um den Herd einzuschalten. Sie
stellte den Topf auf die Platte, den gefrorenen Spinatblock
schob sie in einer Schüssel in die Mikrowelle.
Es klingelte erneut, diesmal an der Wohnungstür. Susanna
wischte sich die Hände an der Hose ab und öffnete. Durch das
Treppenhaus hallten Schritte, aber niemand stand vor der Tür.
„Hallo“, rief sie und trat an das Geländer. Sie starrte
hinunter, doch mehr als einen Schatten, der sich zwei
Stockwerke unter ihr die Treppen hinab bewegte, erkannte sie
nicht. Vielleicht ein Mann,sie spähte durch das Geländer,
nein – eher ein Junge. Ob eines der Nachbarskinder sich einen
Spaß mit ihr machte?
Der Klingelton der Mikrowelle riss Susanna aus den Gedanken.
Zeit den Spinat umzurühren. Sie trat zurück an die
Wohnungstür. Dabei stieß sie mit der Fußspitze gegen etwas
Hartes. Sie schaute hinunter und entdeckte ein Päckchen, das
ein Stück neben der Tür lag.
Sie hob das Paket auf und musterte es. Es hatte dieAusmaße
eines Schuhkartons, war jedoch schwerer. Auf dem Packpapier
stand in krakeliger Handschrift geschrieben:
Für Susanna Aschem zum 13. Geburtstag
Ein Geburtstagsgeschenk also. Sie nahm es mit hinein und
trug es in ihr Zimmer. Gerade als sie begann das Papier
herunterzureißen, meldete sich die Mikrowelle erneut. Außerdem
würde Albin jede Sekunde erscheinen.
Kaum brutzelten die Spiegeleier in der Pfanne, betrat er
auch schon die Wohnung. Er besaß eine Art sechsten Sinn für
fertiges Mittagessen. Daher fand Susanna keine Zeitmehr, das
Geschenk auszupacken.
Die Mahlzeit verlief schweigend. Unruhig wartete Susanna,
bis alle Töpfe geleert waren, dann räumte sie den Tisch ab und
stellt das Geschirr in die Spüle. Abwaschen gehörtezu Albins
Aufgaben. Sie würde währenddessen das Geschenk auspacken.
Heute jedoch kümmerte sich ihr Vater nicht um die
schmutzigen Teller. Stattdessen ging er ins Schlafzimmer und
kehrte gleich darauf mit einem Kuchen zurück, oder besser dem,
was ein Kuchen hätte werden sollen. Das Gebilde erinnerte mehr
an einen Vulkan mit einem Krater in der Mitte. Nur die Kerzen
wiesen das Ding als Geburtstagskuchen aus.
„Danke, Papa“, sagte Susanna und umarmte ihn zaghaft.
„Gern geschehen.“ Er strahlte über das ganze Gesicht.
Als der Tee in ihren Tassen dampfte, schnitt Albin den
Kuchen an. Er reichte ihr ein Stück und blickte sie
erwartungsvoll an.
Tja, was nun?Susanna betrachte die Katastrophe auf ihrem
Teller. Dann sah sie zu Albin hinüber. Sie musste wenigstens
probieren. Augen zu und durch,dachte sie und knabberte mit
Todesverachtung an dem Kuchenstück. Es schmeckte besser, als
es aussah – sogar viel besser.
„Lecker“, sagte sie und biss nun kräftig hinein.
Trotz der Kuchenüberraschung war Susanna enttäuscht.
Anscheinend reichten die Einnahmen nicht einmal fürein
kleines Geschenk. Sie seufzte unauffällig, dennoch schien
Albin sie gehört zu haben. Er zwinkerte ihr zu.
„Was hältst du davon“, fragte er mit verschwörerischer
Stimme, „wenn wir gleich nach dem Tee gemeinsam in die Stadt
gehen?“
„Musst du nicht zurück in den Laden?“
„Heute ist dein Geburtstag. Wie wäre es, wenn ich dich zur
Feier des Tages zu einem Stadtbummel einlade? Vielleicht
finden wir etwas Hübsches zum Anziehen für dich.“
Wenige Minuten später drängte Albin zum Aufbruch, doch
Susanna zögerte. Zu gern hätte sie noch schnell einen Blick in
das Geburtstagspäckchen geworfen.
„Du Papa“, sagte sie. „Geh‘ du schon vor. Du musst doch
einen Zettel anbringen, damit die Kunden wissen, dass wir
heute Nachmittag geschlossen haben.“
„Wie schön, dass du mitdenkst.“ Er steuerte auf die
Wohnungstür zu. „Du kommst gleich nach?“
„Ich muss nur schnell die Schuhe anziehen und meineTasche
packen.“
Kaum hatte Albin die Wohnung verlassen, flitze Susanna in
ihr Zimmer und holte das Geschenk hervor. Ungeduldig riss sie
das Papier herunter. Zum Vorschein kam eine hölzerne
Schatzkiste, die mit silbernen Bändern beschlagen war. Susanna
klappte den Deckel auf.
Von innen verkleidete jadegrüner Samt das Holz und umhüllte
eine gläserne Karaffe. Sie schimmerte grünlich und sah
ziemlich alt aus. Vorsichtig hob Susanna die Flasche und
betrachtete sie. Sie wirkte zerkratzt und schien leer zu sein.
Ein Korken verschloss den Hals. Ein schwarzes Lacksiegel, das
den Verschluss einstmals geschützt haben musste, war
gebrochen.
Was sollte sie damit anfangen?Ein schräges Geschenk. Und
überhaupt, wer hatte es ihr geschickt? Sie durchsuchte die
Kiste nach einem Absender, fand aber keinen Hinweis.
Nachdenklich hielt sie die Karaffe gegen das Licht.Verdammt
– was war das denn? Die Flasche schien von innen zuleuchten.
Eine Reflexion der Sonne? Susanna strich über das Glas. Es
fühlte sich warm an.
Die Türklingel schrillte. Mist, sie musste sich beeilen.
Vorsichtig legte sie die Karaffe zurück in die Truhe und
verstaute die Kiste unter dem Bett. Dann griff sie nach Jacke
und Tasche, stürmte hinaus, warf die Tür hinter sich ins
Schloss und rannte die Treppe hinunter.
„Ich komm‘ ja schon!“
Sie gingen zu Fuß in Richtung Innenstadt. Susanna schwieg
gedankenverloren. Albin stapfte mit großen Schritten dem
Zentrum entgegen. Er strahlte über das ganze Gesicht.
„Hast du dir überlegt, was du haben möchtest?“, fragte er.
Die Frage, was sie sich wünschte, stellte sich eigentlich
nicht. Eher, was sie brauchte.
„Eine neue Jeans wäre schön.“
Sie steuerten das nächste Kaufhaus an. Es dauerte keine
halbe Stunde, da traten sie wieder durch die Drehtür auf die
Straße, in Susannas Hand eine Einkaufstasche.
„Jetzt ein Eis“, sagte Albin.
Nebeneinander betraten sie auf das Eiscafé, in dem sich
regelmäßig die älteren Schüler aus Susannas Schule trafen. In
der Ecke saßen sechs Jugendliche, die zwei oder drei Klassen
über ihr waren.
„Hi“, grüßte Susanna.
Sie nahmen an einem der Tische Platz. In diesem Moment
klingelte Albins Telefon.
„Es tut mir leid“, sagte er, nachdem er aufgelegt hatte.
„Der Teelieferant steht zu Hause vor der Tür, obwohl die
Lieferung erst für morgen avisiert war. Ich muss zurück.“ Er
hielt inne und zog einen Zehneuroschein aus seinem
Portemonnaie. „Du isst ein Eis für mich mit, okay? Oder
möchtest du lieber nicht …?“
„Ich komme schon klar“, fiel Susanna ihm ins Wort. „Geh du
ruhig.“ Sie winkte ihm nach und bestellte sich einen
Erdbeermilchshake.
Normalerweise kam sie gut allein zurecht. Dennoch fühlte sie
sich ein bisschen unwohl. Während sie auf ihre Bestellung
wartete, beobachtete sie aus dem Augenwinkel die Clique, die
aufstand und ging. Außer Susanna war kein weiterer Gast mehr
im Café. Endlich brachte der Kellner den Shake. Sienahm den
Strohhalm zwischen die Lippen und trank einen großen Schluck.
Lecker. Sie lehnte sich zurück, schloss die Augen und genoss
den Moment.
„Hast du das Päckchen gefunden?“
Sie sah auf. Ein Junge von vielleicht fünfzehn Jahren stand
neben ihrem Tisch. Der sieht verdammt gut aus, schoss es
Susanna durch den Kopf.
„Wer bist du?“
„Ich bin Patrick, wir gehen auf dieselbe Schule.“
Sie betrachtete ihn genauer.
„Stimmt. Ich hab dich schon mal gesehen. Was machstdu
hier?“
„Du hast heute Geburtstag oder nicht?“ Er wirkte
verunsichert.
„Ja.“ Sie dehnte das Wort. „Wie kommst du darauf?“
Er ging nicht auf die Frage ein. Stattdessen hielt er ihr
die Hand entgegen.
„Herzlichen Glückwunsch.“ Dann wiederholte er: „Hast du das
Päckchen gefunden?“
„Woher weißt du …?“
„Du hast doch heute Geburtstag?“
„Schon, aber …“ Sollte sie oder sollte sie nicht?Das
könnte peinlich werden. Egal, sie musste es wissen.„Ist das
Geschenk von dir?“
Er sah sie nicht an. Sein blonder Haarschopf verdeckte einen
Teil seines Gesichts.
„Ich habe das Paket gebracht.“ Er drehte sich um. „Und jetzt
muss ich los.“
Susanna sah ihm kopfschüttelnd nach. Waren denn heute
wirklich alle verrückt geworden?
Gleich nach dem Abendessen verschwand sie in ihr Zimmer und
zog die Kiste unter dem Bett hervor. Dieser Patrickhatte ihr
also die Flasche geschenkt. Wie kam er nur dazu? Erkannte sie
doch gar nicht.
Sie öffnete den Deckel der Truhe und strich mit den
Fingerspitzen über das Glas. Die Flasche fühlte sich immer
noch warm an, aber wenigstens leuchtete sie nicht mehr.
Ihr kam eine Idee. Sie trug Karaffe und Kiste ins Wohnzimmer
zu ihrem Vater.
Guck mal Papa, was ich geschenkt bekommen habe.“ Sie stellte
die Truhe auf den Wohnzimmertisch und öffnete sie.
Aus dem Gesicht ihres Vaters wich die Farbe. Er starrte sie
an, als wäre ihm soeben ein Geist begegnet.
„Papa.“ Susanna trat zu ihm. „Bist du okay?“
„Woher hast du das?“ Seine Stimme klang ernst.
„Von Patrick.“
„Von wem?“
„Patrick, ein Mitschüler. Ich kenne ihn noch nicht lange.“
„Warum schenkt er dir so etwas, wenn ihr euch kaum kennt?“
Er wirkte verärgert.
„Vielleicht ist er in mich verliebt. Oder bin ich zu
hässlich, als dass sich ein Junge in mich verliebenkönnte?“
„Natürlich nicht.“ Albins Tonfall war nun etwas
freundlicher. „Zeig‘ mal her.“ Er wies auf die Flasche.
Gerade wollte Susanna die Karaffe in seine Hände legen, da
berührte sie zufällig den Korken. Im gleichen Augenblick
begann das Gefäß zu schimmern.
„Shit“, entfuhr es ihr.
„Leg‘ sie weg“, befahl Albin. Seine Blässe hatte sich noch
verstärkt. Er starrte auf die Flasche. „Sofort! Gehin dein
Zimmer!“
Irgendetwas in seiner Stimme ließ sie widerspruchslos
gehorchen. Sie schauderte.
Fünfzehn Minuten später lag sie im Bett. An Schlaf war
jedoch kaum zu denken. Dutzende Fragen trudelten durch
Susannas Gehirn. Wieso schenkte ihr ein beinahe fremder Junge
etwas zum Geburtstag? Was wollte der überhaupt von ihr? Und
sein Geschenk erst. Damit stimmt doch etwas nicht. Warum war
ihr Vater so blass geworden? Als erschreckte ihn die Karaffe,
weil er sie erkannte? Vielleicht konnte ihr dieser Patrick
etwas sagen. Sie beschloss, ihn am nächsten Tag zu fragen.
Endlich kam sie zur Ruhe. Sie reckte sich, gähnte herzhaft
und war wenige Minuten später eingeschlafen.

4. Peinlich, peinlich
Es klopfte.
„Steh’ auf.“ Eine Stimme durchdrang den Traumnebel,in dem
sich Susanna verfangen hatte. „Du kommst zu spät zur Schule.“
Sie sprang aus dem Bett. Der Wecker zeigte 7.35 Uhr. Oh
nein. Ab ins Bad, Katzenwäsche, Zähneputzen, so schnelles
ging, rein die Klamotten. Zehn Minuten später flitzte sie die
Treppe hinunter. Sie ließ das Frühstück ausfallen, um vor dem
Unterricht noch mit Patrick sprechen zu können.
Noch so ein Tag, dachte Susanna, als sie das Schulgebäude
erreichte. Es wirkte trotz des Sonnenscheins grau und wenig
einladend. Sie betrat die Vorhalle und passierte die Aula.
Doch anstatt den üblichen Weg einzuschlagen, stieg sie ein
Stockwerk höher.
„Sag mal, kennst du Patrick?“, sprach sie ein Mädchen an.
„Patrick wer?“, antwortete die Blondine gedehnt.
Mist, seinen Familiennamen kannte sie nicht.
„Keine Ahnung, wie er mit Nachnamen heißt.“
„Wenn du nicht mal seinen Nachnamen kennst, was willst du
dann von ihm?“
„Das geht dich nichts an. Kennst du Patrick nun oder nicht?“
„Keine Ahnung.“ Die Blondine drehte sich um und ließ Susanna
stehen.
Was für eine Zicke.Susanna sah sich nach einem geeigneteren
Ansprechpartner um. Gleich neben ihr stand ein Typ,er war
etwa so groß wie Patrick.
„Die 9b hat heute erst zur Dritten. Komm zur großenPause
wieder“, riet er ihr.
In der Pause sah sich Susanna erneut nach Patrick um. Die
Ecke, in der die Schüler der Neunten sich im Allgemeinen
aufhielten, füllte sich langsam. Sie zog ihr Sandwich hervor,
biss hinein und schlenderte kauend hinüber. Schon aus einigen
Metern Entfernung sah sie ihn, er stand mitten in einer Gruppe
von Jungen und Mädchen, allesamt einen Kopf größer als
Susanna. Sie drängelte sich durch die Menge, bis sie Patrick
erreichte.
„Was will denn der Drahthaarterrier hier?“, fragte ein
Mädchen.
Die Anderen kicherten. Jetzt erst wurde Susanna klar, auf
was sie sich eingelassen hatte. Sie schob die Restedes Brotes
in ihre Jackentasche.
„Ich muss mit dir sprechen“, sagte sie leise. So gut es ihr
gelang, ignorierte sie die Umstehenden.
„Häh?“ Patrick hielt eine Hand hinter das Ohr und beugte
sich zu ihr hinunter. Seine Kumpels lachten.
„Ich muss mit dir sprechen.“ Nun brüllte sie beinahe.
„Alleine.“
„Ist der Drahthaarterrier deine neue Freundin?“
Was für eine blöde Kuh.Susanna spürte Wut im Bauch. Doch
sie würde sich nicht provozieren lassen. Stattdessen sah sie
Patrick herausfordernd an.
„Also was ist jetzt?“, fragte sie.
Patrick wandte sich an seine Freunde.
„Ich klär das.“ Grinsend blickte er auf Susanna herab. „Komm
mit.“ Er schob sie vor sich her. Ein Stück entferntblieb er
stehen. „Was willst du?“
Sie schnaubte. „Du brauchst dich gar nicht so aufzupumpen.
Habe ich dich gestern angequatscht oder du mich?“
„Ist ja gut. Was willst du also?“
„Was war das gestern? Wieso bekomme ich von dir ein
Geburtstagsgeschenk? Und warum ausgerechnet so etwas?“
„Du hast da was missverstanden.“
„Wie missverstanden?“
„Das Teil ist nicht von mir. Ich habe es nur gebracht.“
Susanna wich einen Schritt zurück. Verstört starrtesie den
Jungen an.
„Aber von wem stammt das Paket denn dann?“
„Don’t know. Von mir jedenfalls nicht.“
Wie peinlich, sie hatte die Situation völlig falsch
eingeschätzt. Moment.Das war doch Schwachsinn!
„Was soll das heißen, du hast keine Ahnung? Du wirst doch
wissen, wer dir das Paket gegeben hat.“
„Ich weiß es aber nicht.“ Patrick wandte sich um.
„Halt!“ Wütend hielt Susanna seinen Ärmel fest.
„Lass mich los.“
„Nein.“
„Lass mich los. Normalerweise schlage ich keine Mädchen,
aber in deinem Fall …“ Er ließ den Rest ungesagt.
Sie verstand sein Verhalten nicht. Gestern im Café war er
nett gewesen, aber heute … Jungs!
„Ich will sofort wissen, von wem das Paket ist.“ Sie
funkelte ihn an.
„Okay, okay …“ Es klang, als wollte er ein Pferd beruhigen.
Das brachte Susanna noch mehr in Rage. Vor Wut schossen ihr
die Tränen in die Augen. Sie hasste es, wenn das geschah.
Diesmal jedoch schien die Heulerei nützlich. Patrick, der
eben noch so cool gewirkt hatte, schien nun um einige
Zentimeter zu schrumpfen. Stumm starrte er Susanna an.
„Heul jetzt bloß nicht“, sagte er leise. „Okay!“ Erwirkte
hektisch. „Am Besten du kommst heute Nachmittag zu mir nach
Hause.“ Er zog ein Stück Papier aus der Tasche, kritzelte
seine Adresse darauf und hielt es ihr entgegen. Dann stapfte
er davon. Im Hintergrund grölten seine Freunde.
Als Susanna in die Ruelle-Gasse einbog, schlug die
Kirchturmuhr gerade Eins. Sie ging sofort nach oben. Im
Eiltempo kochte sie das Mittagessen, schlang es hinunter und
widmete sich dann den Hausaufgaben. Während sie sich mit
Mathematik abplagte, hörte sie Musik. Radio Luxemburg spielte
die neuesten Hits. Hin und wieder unterbrach der Moderator das
Programm, um von irgendwelchen Ereignissen zu berichten.
„Im Norden des Landes“, las er eine Meldung vor,
„überfluteten schwere Regenfälle einige Dörfer. Ungewöhnlich
viel Regen fiel innerhalb von dreißig Minuten vom Himmel.
Bedauerlicherweise forderte das Unwetter mehrere Todesfälle.
Besonders schlimm erwischte es eine siebzigjährige Dame in
Wincrange nahe der belgischen Grenze. Sie ertrank in der
Badewanne.“
Schon wieder ein Unglück, dachte Susanna.Ständig wurde von
neuen Katastrophen berichtet. Sie schüttelte sich, verdrängte
eilig die üblen Gedanken und konzentrierte sich aufdie
Hausaufgaben.
Eine Stunde später trat sie vor den geöffneten
Kleiderschrank. Was sollte sie anziehen? Für gewöhnlich griff
sie nach dem erstbesten Pullover und suchte eine halbwegs
passende Hose heraus. Heute jedoch wollte sie hübsch aussehen,
allerdings wirkten alle ihre Sachen abgetragen und unmodern.
Schließlich entschied sie sich für ein grünes T-Shirt und
die neue Jeans. Das Grün unterstrich die Farbe ihrer Augen.
Einigermaßen zufrieden mit dem Outfit kümmerte sie sich um
ihre Haare. Susanna versuchte, die Locken zu glätten, aber es
reichte nicht einmal für eine halbwegs ansehnliche Frisur. Sie
seufzte. Immer noch standen die Haare in alle
Himmelsrichtungen und ließen sich nicht bändigen. Schließlich
schnürte sie das Vogelnest kurzerhand mit einem Band zusammen.
Sie machte sich auf den Weg zu Patricks Adresse.
Er wohnte etwa zehn Minuten entfernt, direkt am Ufer der
Alzette.
„Patrick und Gregor Mintas“, stand an der Wand neben der
Türglocke. Früher musste noch ein dritter Name dortgestanden
haben. Man konnte deutlich erkennen, wo er übermaltworden
war. Susanna atmete durch, dann drückte sie den Klingelknopf.
Ein Mann öffnete die Tür. Er lächelte aufmunternd.
„Was kann ich für die junge Dame tun?“
„Ich bin Susanna. Ich möchte zu Patrick.“
„Schön dich kennenzulernen, Susanna.“ Er hielt ihr die Hand
entgegen. „Ich bin Gregor Mintas, Patricks Vater. Komm herein.
Zu dem Herrn Sohn geht es da lang. Die Tür links, am Ende des
Flurs.“
Er schaltete das Licht ein und wies ihr den Weg durch die
fensterlose Diele.
Vor Patricks Zimmertür hielt Susanna an. Sie fuhr sie sich
mit den Fingern durch die Haare und wartete, bis sich ihr
Herzschlag beruhigt hatte. Dann klopfte sie an. Es dauerte
eine Weile, bis sich drinnen etwas bewegte. Sie lauschte.
Endlich näherten sich Schritte, ein Schlüssel klapperte im
Schloss. Gleich darauf schwang die Tür auf. Vor Susanna stand
Patrick. Wortlos trat er zur Seite und ließ sie hinein.
Oh Mann, was für ein Saustall.Das Zimmer sah aus wie nach
einem Bombeneinschlag. Eine Art Gang führte durch das Chaos
zum Bett, ein Abzweig zum Schreibtisch. An den Wänden klebten
Poster von Heavy-Metal-Bands. Dazwischen stach ein Stundenplan
hervor.
Patrick schob ihr den Schreibtischstuhl hin. Sich selbst
ließ er auf das ungemachte Bett fallen. Er sah sie an, sagte
jedoch kein Wort. Zum Glück klopfte es an der Tür.
Gregor Mintas trat ein. Er balancierte ein Tablett,darauf
zwei Gläser und eine Flasche Limonade.
„Durst?“ Er hielt Susanna ein Glas hin.
„Ja, danke.“
„Du hast mir noch nie von Susanna erzählt“, wandte er sich
an seinen Sohn.
„Papa!“ Patrick kniff die Lippen zusammen.
„Oha.“ Gregor lachte. „Ist ja schon gut.“ Er wandtesich um
und ging.
„Pah“, stieß Patrick aus, kaum, dass sein Vater dasZimmer
verlassen hatte. „Warum müssen Eltern immer rumnerven? Das
geht gar nicht.“
„Stimmt, das geht gar nicht“, bestätigte Susanna, froh, dass
Patrick endlich mit ihr sprach. „Mein Vater ist genauso. Am
liebsten würde er mich ständig kontrollieren.“
Sie unterhielten sich eine Weile über ihre Väter.
„Sind deine Eltern geschieden?“, fragte Susanna schließlich.
„Seit ich drei Jahre alt bin. Deine auch?“
„Meine Mutter ist tot.“
„Das ist schlimm.“
„Lass uns das Thema wechseln, bitte.“ Sie machte eine Pause.
Dann wiederholte sie die Frage, die sie ihm bereitsauf dem
Schulhof gestellt hatte. „Also, von wem stammt die Flasche?“
Patrick druckste herum, setzte mehrmals zu Entschuldigungen
und Erklärungen an, rückte jedoch mit der Antwort nicht
heraus. Nach einer Weile wurde es Susanna zu blöd.
„Nun mach schon“, fuhr sie ihn an. „Weißt du, wie unfair das
ist? Irgendjemand bringt dir ein Paket, in dem einekomische
Flasche steckt und anschließend lässt er dich dumm sterben.“
„Ich darf es nicht sagen, ich habe es versprochen.“
Susanna ließ ihrem Ärger freien Lauf. Sie schrie ihn an,
ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dass Gregor Mintasnicht weit
entfernt sein konnte.
Schließlich sagte Patrick: „Mein Onkel Sam hat mich
geschickt. Warum, hat er mir nicht gesagt.“
In diesem Augenblick betrat Patricks Vater das Zimmer.
„Was ist mit Sam? Wohin hat er dich geschickt? Und warum?“,
fragte er mit einer Stimme, aus der Verärgerung herausklang.
Susanna horchte auf. Ob Patricks Vater etwas über die
Flasche wusste? Sie musste ihn einfach fragen. Alsoerzählte
sie ihm von der Holzkiste und der Karaffe.
Leider reagierte er anders, als es sich Susanna erhofft
hatte. Erst lauschte er stumm ihrem Bericht, dann jedoch
stürmte er, kaum dass sie geendet hatte, hinaus. Die Teenager
sahen einander an. Patrick zuckte mit den Schultern.
„Don’t ask. Mein Onkel ist echt okay, aber manchmalhat mein
Vater ein Problem mit ihm.“
Eine Minute später drang die Stimme von Gregor Mintas in
Patricks Zimmer. Er schien zu telefonieren. Satzfetzen drangen
zu ihnen herein.
„… versprochen, den Jungen da rauszuhalten“, verstand
Susanna und dann: „Nein, du sollst nicht herkommen,du sollst
das mit deinem Bruder klären.“ Ein Name fiel. Zenani oder so
ähnlich.
„Wer ist denn Zenani?“, flüsterte sie.
„Das ist meine Mutter.“
„Streiten sie viel?“
„Früher war es noch schlimmer. Seit sie getrennt sind, ist
es besser geworden. Das behauptet mein Vater zumindest, ich
war ja noch zu klein, um mich zu erinnern. Aber auch so zoffen
sie sich noch oft genug.“
„Ist es sehr schlimm für dich?“, fragte sie mitfühlend.
Er brummte ein paar unverständliche Worte.
Fünfzehn Minuten später beschloss Susanna, zu gehen. Von
Patrick würde sie nicht mehr erfahren, als er bereits gesagt
hatte. Bevor sie allerdings den Heimweg antreten konnte,
musste sie noch etwas erledigen.
„Ich muss mal für kleine Königstiger“, sagte sie verlegen.
Die Gästetoilette lag gleich gegenüber der Eingangstür. In
dem winzigen Raum empfing sie Zitronenduft. Sie schloss die
Tür hinter sich und legte den Riegel vor.
Als sie gerade die Hose heruntergelassen hatte und sich
hinsetzen wollte, läutete die Türglocke. Schritte ertönten, es
quietschte. Die Haustür.
„Was willst du?“ Gregor Mintas klang ärgerlich.
„Am Te…, äh Tele…, am Telefon kann man sich mitdir
nicht vernünftig unterhalten.“ Die Stimme der Frau überschlug
sich.
Das Telefon klingelte, verstummt jedoch sofort wieder.
„Ich habe dich nicht eingeladen. Du sollst die Sache mit
deinem Bruder klären.“
„Denkst du, ich hätte so viel Einfluss auf Sam? Er ist
ähnlich beratungsresistent, wie eine Klo…, eine Klo…, eine
Klobürste“, gab die Frau zurück.
Neben Susanna fiel die Toilettenbürste zu Boden. Susanna
betrachtete die Bürste irritiert, hob sie auf und steckte sie
zurück in die Halterung. Draußen ging das Gespräch weiter.
„Wenn jemand Einfluss auf deinen Bruder hat, dann du. Weißt
du was, Zenani, im Grunde ist es mir wurscht. Mach ihm einfach
klar, er solle Patrick aus seinen Machenschaften heraus
halten. Wir waren uns einig, dass der Junge normal aufwächst.“
Susanna lauschte angestrengt. Eigentlich musste siedringend
pinkeln, aber sie traute sich nicht.
„Wahr…, wahrha…, wahrhaf…“, stotterte Zenani.
Das Stottern schien zuzunehmen. „Wahrhaftig, du gibt mir mal
wieder die Schu… die Schu… die Schu, ach verdammt“,
fluchte sie. „Die Schuld.“
Es polterte im Flur.
„Jetzt geht daslos“, schimpfte Gregor und seufzte. „Du
solltest dich beruhigen, ich kann dein Chaos heute nicht
ertragen. Komm‘ mit in die Küche. Ich koche dir einen Kaffee.“
Ihre Schritte entfernten sich. Susanna wartete einen
Augenblick, ehe sie endlich das tat, wozu sie hierher gekommen
war. Erleichtert atmete sie auf.
Ohne das Licht einzuschalten, schlich sie den Flur entlang.
Verdammt, beinahe wäre sie hingefallen. Über irgendetwas war
sie gestolpert. Sie bückte sich, um nachzusehen, was es
gewesen war – drei einzelne Schuhe lagen vor einem Schuhregal.
„Hatten wir gerade ein Erdbeben?“, fragte sie Patrick, als
sie sein Zimmer betrat.
„Hast du sie noch alle?“
„Schon gut“, sie winkte ab. Besser sie erzählte ihmnicht
von der Klobürste. Er hielt sie ja so schon für bescheuert.
„Ich habe zufällig mit angehört, worüber deine Eltern
gesprochen haben.“ Sie berichtete, was sie in ihremVersteck
erlauscht hatte.
„Was meint dein Vater damit? Wo soll dein Onkel dich
raushalten? Und wieso sollst du ‚normal’ aufwachsen? Für mich
siehst du nicht unnormal aus.“
„Don’t know.“ Patrick wirkte beunruhigt.
„Meinst du, dein Vater sagt dir, was los ist, wenn du ihn
fragst?“
„Nie im Leben. Er macht ein Riesentheater um alles,was mit
der Scheidung zu tun hat.“
Susanna überlegte.
„Es ist schon seltsam, wie sie über dich sprechen. Hast du
schon mal deine Mutter gefragt?
„Bloß nicht, die streiten sich sowieso andauernd. Vielleicht
frage ich mal Onkel Sam.“ Patrick rieb sich die Augenbraue. Er
schwieg einen Moment, ehe er fortfuhr: „Von ihm bekomme ich am
ehesten eine Antwort.“
„Fragst du ihn auch, was es mit der Flasche auf sich hat?“
Sie schob ein „Bitte“ hinterher.
„Okay – I do.“ Es klang ein bisschen großkotzig, doch
Susanna war erleichtert. Immerhin bestand eine Chance, mit
Patricks Hilfe herauszufinden, was eigentlich los war.

5. Brief ohne Absender
In den Blumenkästen der Ruelle-Gasse glitzerte der Morgentau.
Die Sonne schien bereits kräftig. Es versprach, einwarmer Tag
zu werden. Susanna war ungewöhnlich früh unterwegs.Der
Gedanke an die Truhe mit der Karaffe, die seit dem Abend ihres
Geburtstags unangetastet auf der Kommode stand, hatte sie aus
dem Bett getrieben. Dennoch hatte sie die Kiste ignoriert,
heute sollte ein stinknormaler Tag werden.
Sie schlenderte durch die Unterstadt, überquerte eine
Kreuzung und bog in eine ruhige Straße ein. Hier standen die
Häuser ein Stück zurückgesetzt inmitten gepflegter Vorgärten.
Einer dieser Gärten zog Susannas Blick auf sich. Clematis
rankte sich um einen hölzernen Bogen, der an ein Tor in eine
andere Welt erinnerte.
Direkt am Zaun wuchsen Rosenbüsche, rot und weiß wucherten
sie auf den Gehweg hinaus. Susanna senkte die Nase in eine der
Blüten und schnupperte. In diesem Moment trat eine Frau aus
dem Haus. Nicht weit von Susanna entfernt blieb siestehen und
begann in ihrer Handtasche zu wühlen.
Gerade überlegte Susanna, ob sie die wildfremde Dame grüßen
sollte, als diese sich ihr zuwandte und einige Worte murmelte:
„Sajadi Surafei, tekisma sadi…“, der Rest ging im
Straßenlärm unter.
„Bitte?“, fragte Susanna höflich. Diese Worte hatten wie ein
Gebet oder ein Gedicht geklungen. Vielleicht irgendetwas
Arabisches.
Die Frau antwortete nicht. Stattdessen ließ sie dieTasche
sinken. Auf ihrer geöffneten Handfläche hielt sie Susanna
einige zerknautschte Blütenblätter entgegen.
Noch eine Verrückte? Susannas gute Laune verflog, sie fühlte
sich elend. Am liebsten wäre sie abgehauen, doch dazu kam sie
nicht mehr, denn die Dame verbeugte sich vor ihr.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s